Verlag Philipp von Zabern


Ein Jahr voller Entdeckungen

2009

Tuts Vorkammer

2009, ein Jahr voller archäologischer Höhepunkte, zahlreiche Entdeckungen wurden gemacht, Schätze gefunden, Knochen ausgegraben, viel Neues über Mensch und Kultur erfahren und über so manche Erkenntnis gestaunt.
Nun, wo das Jahr vergangen ist und weitere Funde für 2010 bereits darauf warten entdeckt zu werden, liegt ein Rückblick nahe; man fragt sich doch: „Was war wirklich wichtig? Was hat sich getan? Was war bedeutend, interessant oder sogar lustig zu hören?“

Schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres wurden zwei besondere Funde gemacht, die wieder einmal zeigten, dass der Mensch sich bereits früher mit Kunst und Kultur befasste als vermutet. Im  Abstand von etwas über einem Monat gingen zwei Fundobjekte durch die Medien:

Die Venus vom Hohle Fels

Bisher galt die „Fanny“ (Venus) vom Galgenberg als die älteste Venusdarstellung der Geschichte. Doch im Mai dieses Jahres musste sie ihren Titel abgeben als bekannt wurde, dass in der Höhle „Hohle Fels“, Baden-Württemberg, bereits im September 2008 Bruchstücke einer weiteren Skulptur gefunden worden waren. Die 6 cm große Elfenbeinfigur wird auf ein stattliches Alter von 35.000 Jahren datiert und ist somit 10.000 Jahre älter als ihre berühmte Kollegin von Willendorf.

Mit Interpretationen zu dem Fund halten sich die Entdecker, das Tübinger Institut für Ur- und Frühgeschichte, zurück.
Der fehlende Kopf, an dessen Stelle ein einfacher Ring sitzt, deutet sehr stark auf einen Anhänger hin; ob es sich dabei jedoch um ein Amulett, einen rituellen Gegenstand oder einfach nur um Schmuck handelt, bleibt nach wie vor im Dunkeln.

Einig sind sich die Archäologen jedoch was die Bedeutung des Fundes betrifft – so fasst der Focus dessen Bedeutung treffend zusammen: Der Fund sei eine Sensation und werfe ein völlig neues Licht auf die Entstehung der Kunst in Europa und vermutlich auf der ganzen Welt, beschreiben die Wissenschaftler ihre Entdeckung, die sie im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichten.

Das älteste Musikinstrument der Welt

Kaum sechs Wochen nach dem Fund der Venus vom „Hohle Fels“, wurde eine weitere Entdeckung aus der Höhle, nahe dem schwäbischen Städtchen Blaubeuren bekannt. Ebenfalls im September 2008 fanden die Tübinger Prähistoriker dort zwölf Bruchstücke eines Gänsegeierknochens, und als die Rekonstruktion abgeschlossen war, war die Sensation perfekt:

Es handelt sich um eine 22 cm große Knochenflöte, die mit einem Alter von über 35.000 Jahren, das älteste Musikinstrument der Welt darstellt. Mit fünf Tonlöchern und einer Einkerbung am Ende ist sie Zeuge, der hohen kulturellen Entwicklung in der frühen Zeit des Aurignacien, der ältesten Kulturen aus der späten Altsteinzeit.

Römischer Schiffsfriedhof

Von der Schwäbischen Alb geht es in den Mittelmeerraum: Im Juli 2009 machten Forscher vor der kleinen Insel Ventotene, die auf halbem Weg zwischen Neapel und Rom liegt, eine seltene Entdeckung: die Überreste von fünf römischen Handelsschiffen.
Die kleine Flotte war wohl auf dem Tyrrhenischen Meer in einen Sturm geraten, als sie die Insel, die im antiken Rom als „Insel der verbannten Frauen“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte, auf der Suche nach einem sicheren Hafen ansteuerte.

Doch die vulkanische Insel, auf die schon Kaiser Augustus seine Tochter Julia verbannt hatte, brachte den Seefahrern kein Glück und die Schiffe gingen samt Ladung an das Meer verloren.
Was für die Händler damals eine Katastrophe darstelle, wurde für die moderne Archäologie zum Glücksfall. Zwar ist von den Schiffen nach 2.000 Jahren nur noch wenig erhalten, doch die Amphoren mit der Kennzeichnung ihres Inhalts sind historisch wertvoll.

Die Ladung,  darunter italienischer Wein, das im Norden Afrikas als Gewürzsauce aus Fisch hergestellte „Garum“, Küchenutensilien wie ein Mörser, aber auch Metallbarren für die  Waffenproduktion, lässt Rückschlüsse auf die Wirtschaftsentwicklung im Reich zu.

So soll der Fund ein weiterer Indiz dafür sein, dass Rom in seiner jüngeren Geschichte noch vorwiegend Waren in seine Kolonien exportierte und  in späterer Folge mehr und mehr zum Importhandel überging, bis es schlussendlich vollständig von seinen Provinzen – vor allem von Karthago, der Kornkammer Roms – abhängig wurde.

Schatzsucher findet frühmittelalterlichen Goldschatz

Im September dieses Jahres ging durch die Medien, wovon jeder Hobbyschatzsucher oder Archäologe, sein Leben lang meist wohl nur träumen kann. Jahrelang war Terry Herbert mit dem Metalldetektor über die Felder marschiert; in der Grafschaft Staffordshire fand er den wahrscheinlich größten Schatz des vergangenen Jahres. Eine gewaltige Zahl an historischen Kunstgegenständen aus Gold und Silber fiel ihm in die Hände, darunter Kreuze und reich verzierte Waffen. Stell dir vor, du bist zu Hause und jemand hört nicht auf, Geld durch deinen Briefschlitz zu stecken - so war das, beschreibt der Finder seine Entdeckung. Mit rund 1600 Fundstücken, insgesamt 5  kg Gold und 1,3 kg Silber, dürfte diese Beschreibung wohl treffend sein und brachte ihn mit einem Schlag in alle Medien.

Gerade durch die Tatsache, dass Herbert den Schatz selbstständig geborgen hatte und damit das historisch sehr wertvolle und aussagekräftige Umfeld des Schatzes zerstörte, geriet er ins Kreuzfeuer der Kritik.

Untersuchungen ergaben, dass es sich vermutlich um eine angelsächsische, frühmittelalterliche Kriegsbeute handeln dürfte. Dabei kommt vor  allem das turbulente 7. Jh., während dessen zahlreiche Könige um die Herrschaft auf der Insel kämpften, in Frage.

600 Jahre altes Schiffswrack im Bodensee – einmal frische Luft und retour

Alles begann ganz harmlos im September 2006, als ein Eisläufer in einer seichten Bucht des Bodensees durch das Eis hindurch, die Reste eines Schiffskeletts entdeckte. Ihm fielen die hölzernen Spanten auf, die aus dem Seeboden ragten, daraufhin informierte er die Experten.

Als diese die Wrackteile bargen, stellte sich heraus, dass diese zu den Überresten eines 600 Jahre alten Fischerbootes aus dem 14. Jh. gehörten. Als besonders interessant galt der Fund, da von den zahlreichen hölzernen Lastseglern des Mittelalters und der frühen Neuzeit kein Einziger an Land überlebt hatte.  Frohen Mutes machte man sich also an die Bergung.

Ein vor über 600 Jahren gesunkenes Schiffswrack haben Archäologen im Bodensee vor der Insel Reichenau entdeckt, so begann der Bericht des Standard.

Dem aufmerksamen Leser fiel auf, dass ein Wrack selten versinkt – üblicher Weise sinken Schiffe zuerst, dann werden sie zum Wrack. Jedoch sollte sich dieser kleine Fehler beinahe als prophetisch herausstellen. Denn tatsächlich wurde ein 600 Jahre altes Schiffswrack versenkt! So unglaublich es klingen mag, nachdem der Fund geborgen war, warf man ihn wieder zurück in den See!

Dem zugrunde lag das Problem, dass die Konservierung der 600 Jahre alten Holzteile sich als schwierig, langwierig (und wohl auch teuer) herausstellte. Die Korrosion hingegen, die das Holz im Wasser noch weitgehend verschont hatte, schlug nun voll zu und war eine Bedrohung für das Material.

Man kam zu dem Entschluss, dass die schnellste und billigste Methode, die Überreste vor dem Verfall zu schützen, sie wieder in den See zurück zu werfen war. In diesem Fall handelt es sich um eine Sofortmaßnahme – das Wrack wurde durch Erosion stark beeinträchtigt. Es wird durch die Verlagerung geschützt, so dass es später konserviert werden könnte, erklärt der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem.

So behielt der Standard in gewisser Weise doch noch Recht und das Schiffswrack wurde an einer tieferen Stelle im See erneut versenkt. Die Forscher hoffen, vielleicht einmal ein älteres, eventuell römisches Schiff zu finden, das den langwierigen und teuren Prozess der Konservierung dann wert ist.

Rückblickend betrachtet war 2009 ein Jahr voller archäologischer Sensationen, zahlreiche Funde wurden gemacht, viele Erkenntnisse gewonnen. Man fand viel Altes, erfuhr viel Informatives, wurde immer wieder ins Staunen versetzt und hatte dann und wann sogar etwas zu schmunzeln.

Bleibt für 2010 nur zu hoffen, dass uns wieder viele spannende Entdeckungen aus einer zwar vergangenen, aber keineswegs toten Welt erwarten.

- Andreas Müller -
 
Über zahlreiche weitere archäologische Funde aus dem vergangenen wie kommendem Jahr, weitere Neuigkeiten und auch aktuelle Politik historisch betrachtet, berichtet Andreas Müller auf www.history-blog.at.

 


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