Verlag Philipp von Zabern


70 Jahre Entdeckung des Königsgrabes von Sutton Hoo

Ausgrabung unter Kriegstrommeln

Tuts Vorkammer
Rekonstruktion der Grabkammer von Sutton Hoo (Foto: Gernot Keller, www.gernot-keller.com)

Zum 70. Jahrestag der Entdeckung des angelsächsischen Bootsgrabes von Sutton Hoo in Suffolk, England, veranstaltete der National Trust im Mai 2009 eine Gartenparty im Stil der 1930er Jahre auf dem Gelände der Fundstelle. Bereits die Entdeckerin des Grabes und damalige Eigentümerin, Mrs. Edith May Pretty, hatte 1939 dreihundert ausgewählte Gäste zu einer solchen Party geladen, um den Ausgrabungen eines – wie alle damals noch dachten – „Wikingergrabes“ beizuwohnen.

Belebt wurde diese Jubiläumsveranstaltung von Re-enactors, Darstellern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, historische Ereignisse möglichst genau wiederzuerwecken. Dazu trugen sie stilechte Kleidung aus dem Jahre 1939 und arbeiteten mit dem damals üblichen Gerät „scheinbar“ an der Entdeckung ihres Fundes. Man konnte ihnen in kleinen realitätsnahen Spielszenen zusehen, die Momente der Entdeckung und Bergung thematisierten, so etwa die Fundreinigung oder den Geleitzug, der sich andächtig mit den gerade geborgenen Schätzen vom Grabhügel zum Herrenhaus bewegte. Auch das ehemalige Wohnhaus von Mrs. Pretty konnte besichtigt werden, das normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die Gäste der Gartenparty von 2009 bekamen so einen hervorragenden Einblick in das damalige Geschehen und konnten sich vorstellen, selbst bei der Entdeckung des Grabes von Sutton Hoo dabeigewesen zu sein – wozu sicherlich auch Swing-Musik und ein zeitgenössischer Imbiss beitrugen, ebenso wie Oldtimer der 1930er Jahre. Sogar Jagdflugzeuge aus dem damals unmittelbar bevorstehenden II. Weltkrieg überflogen das Areal, um den authentischen Eindruck komplett zu machen.

Der legendäre Fund von 1939

Da die Spiritistin Mrs. Pretty an Geistererscheinungen auf den Hügelgräbern glaubte, initiierte sie ab 1938 unter Leitung der lokalen Archäologen Guy Maynard und Basil Brown vom Ipswich Museum sowie ihres eigenen Gärtners und Wildhüters die Ausgrabungen in Sutton Hoo, wobei sie vorschlug, beim größten Hügel 1 zu beginnen. Schnell jedoch traf man dort auf Raubspuren, so dass man sich zunächst einigen kleineren Hügeln zuwandte, die intakt erschienen. 1939 untersuchten sie schließlich erneut das verschliffene Hügelgrab 1, das sich doch als einziges als ungestört erwiesen hatte. In ihm fand sich die Bootsbestattung eines angelsächsischen Königs, und zwar genau an der Stelle, die Mrs. Pretty von Anfang an hatte ausgraben wollen!

Meist wird als möglicherweise dort bestatteter Herrscher König Raedwald von East Anglia genannt, der im 1. Drittel des 7. Jhs. n. Chr. regierte und bereits getaufter Christ war. Dass er trotzdem mit reicher Beigabenausstattung beigesetzt wurde, lässt dies allerdings nicht vermuten, und überhaupt wird die Frage der Identifizierung wohl nie hundertprozentig geklärt werden können. Der König war in vollem Ornat mit seinen Waffen und Regalia in einem 27 m langen Schiff bestattet worden, in dessen Mitte eine rechteckige Bestattungskammer eingebaut worden war, während man die ehemals vorhandenen Ruder und den Mast vor der Zweitverwendung des ehemals seetüchtigen Bootes entfernt hatte. Zwar war das Eichenholz des Schiffes fast völlig vergangen, hatte aber im sandigen Boden einen Abdruck hinterlassen, den man dokumentieren konnte – sozusagen als „Geist“ des ursprünglichen Schiffes.

In der Grabkammer fanden sich auf den ersten Blick keine Spuren einer Bestattung, so dass man zunächst sogar an ein Scheingrab (Kenotaph) für einen auf See Verschollenen dachte. Erst chemische Untersuchungen des Sandbodens wiesen eine höhere Phosphorkonzentration an der Stelle nach, an der der Verstorbene vergangen war. Nur einige Trachtbestandteile wie millefiori‑ bzw. tierstilverzierte Panzer- und Gürtelschließen fanden sich im mutmaßlichen Oberkörperbereich. Zu den königlichen Beigaben gehörten Schutz- und Angriffswaffen (Helm, Schild, Kettenhemd, Schwert mit damaszierter Klinge, Axt, mehrere Speere), Schmuckstücke, Reste prächtiger Textilien sowie reiche Nahrungsbeigaben in einigen Holzeimern und Bronzebecken. Am faszinierendsten ist das aus einem montierten riesigen Wetzstein gebildete Szepter des Herrschers, das durch stilisierte Menschenköpfe verziert und mit einer Hirschfigur bekrönt ist. Importstücke aus dem Mittelmeerraum wie Silber- und Bronzegeschirr illustrieren überregionale Kontakte, die Überreste von Trinkhörnern, einem Spielbrett und einer hölzernen Leier das Leben am königlichen Hof. Insbesondere die Waffen, aber auch die Trinkhornbeschläge weisen auf Beziehungen zum wikingischen Skandinavien.

Ganz in der Nähe des Königsgrabes fand man in den 1980er/90er Jahren einen Friedhof von Hingerichteten, den sog. „Sandmen“, der nur wenig jünger ist als das Königsgrab und wohl ins 8. und 9. Jh. datiert. Knochen waren auch hier aufgrund des Sandbodens kaum erhalten, so dass man nur noch die Leichenschatten der Getöteten dokumentieren konnte. Man nimmt heute an, dass Hügel 5 ein Galgenplatz war, weithin sichtbar bis hin zum Fluss. Bewusst wählte man hier also das Grab eines Ahnen als Hinrichtungsstelle, um Rechtskontinuität über die Jahrhunderte hinweg zu illustrieren.

Bis heute zieht die Fundstelle zahlreiche Touristen an: Neben dem in Sichtweite des Flusses Deben gegenüber von Woodbridge gelegenen Königsgrab sind etwa 20 teils rekonstruierte Grabhügeln zu sehen sowie eine im Besucherzentrum untergebrachte Ausgrabungsdokumentation mit Repliken der Originalfunde. Nach damals gültigem englischem Recht war der Grabfund nach seiner Entdeckung alleiniger Besitz der Mrs. Pretty, die ihn jedoch 1942 als Geschenk an die Allgemeinheit dem Britischen Museum in London überschrieb. Unter dem Damoklesschwert der Bedrohung durch Hitlerdeutschland gelang hier ein Jahrtausendfund, der durchaus als der „Tut-anch-Amun Britanniens“ gelten kann.

Quelle:

http://www.culture24.org.uk/history/archaeology/art68846

http://www.culture24.org.uk/history/people+%2526+society/art51873

http://en.wikipedia.org/wiki/Sutton_Hoo

– aro – 08/09

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