Verlag Philipp von Zabern


Das Wunder der tausend Blüten

Tuts Vorkammer
Die hochzerbrechliche römische Schale wurde bei ihrem Auffinden nur noch durch die sie umgebende Erde zusammengehalten (Foto: Museum of London Docklands)

Ein Wunder der Erhaltung ist die kürzlich in London entdeckte Mosaikglasschale römischer Zeit.

Immer seltener gelingt es, in den seit frühester Zeit besiedelten Metropolen Europas ungestörte Befunde römischer Zeit zu bergen. In London, dem römischen Londinum, wurde nun ein in seinen Ausmaßen nicht bestimmbares römisches Gräberfeld entdeckt. Das Areal in Aldgate war ursprünglich mit viktorianischen Häusern bebaut, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden und so die darunterliegenden Erdschichten schützten. Auch nach dem Krieg wurde das Areal nur als Parkplatz genutzt, so dass die in 2,53 m Tiefe gefundenen Gräber vergleichsweise gut erhalten waren. Die Glasschale fand sich als Beigabe eines Brandgrabes in Holzkiste und ließ sich aus zahllosen Fragmenten fast vollständig rekonstruieren.

Es handelt sich um eine außergewöhnliche Mosaikglasschale (früher wurde die Technik „Millefioriglas“ genannt), bestehend aus geometrischem Muster in zinnoberrotem, dunkelblauem und weißem Glas, die als vorgefertigte Segmente vom Stab gebrochen, in einer Form erhitzt und zur Schale zusammengeschmolzen wurden. Sie zeigt ein sehr seltenes Muster aus kleinen, in Kreise eingeschriebenen Quadraten mit eingezogenen Seiten, deren einzelne Segmente („Blättchen“) in Kombination eine Art Vierpass bilden – ein bisher im Westen des Römerreiches unbekanntes Muster.  Das nach erster Autopsie vertieft erscheinende Muster ist jedoch nicht absichtlich entstanden, sondern wurde von der unterschiedlichen Verwitterung der ehemals planen Glassegmente hervorgerufen – die verschiedenen Farben erhalten sich im Boden unterschiedlich, wobei gerade zinnoberrotes Glas hinsichtlich seiner Zersetzung sehr anfällig ist – nur dadurch erscheinen die blau-weißen Blätter „erhaben“. Die bei der Auffindung im Feuchtbodenmilieu nahe der Themse noch sichtbare leuchtend rote Färbung ging zudem durch die verstärkte Sauerstoffzufuhr nach der Bergung verloren.

Die zunächst vorgeschlagene Datierung ins 1.bis frühe 2. Jh. n. Chr. konnte jedoch schon jetzt modifiziert werden – die Schale zeigt ein eindeutig "spätes" Mosaikglasmuster, hergestellt frühestens ab flavischer Zeit, höchstwahrscheinlich aber erst um 200250 n. Chr. Indizien dafür sind einmal die Gefäßform, außerdem die im Vergleich zu wirklich "frühen" Stücken gröbere und unregelmäßigere Ausführung des Musters und schließlich die ausgedehnte Verwendung von zinnoberrotem Glas. Hier wäre es nun spannend, die restlichen Beigaben dieses Grabinventars im Detail zu kennen, das angeblich auch aufgrund seiner übrigen Ausstattung ungewöhnlich für das Umfeld war!   

Quelle: http://www.culture24.org.uk/history/archaeology/roman+archaeology/art68100

http://uk.reuters.com/article/idUKTRE53S4S920090429?sp=true (mit korrigerter Datierung) 

– aro – 08/09

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