Verlag Philipp von Zabern


Colossaler „Golden Boy“

Tuts Vorkammer
Ein Spiel mit der Natur ist die Kunstinstallation Hans Lemmens im Archäologischen Park Kalkriese (Foto: Archäologischer Park Kalkriese)

Kunst und Archäologie gehören seit jeher zusammen, wenn es um die Kunstgeschichte antiker Kulturen geht. Archäologie und moderne Kunst sind hingegen ein junges Paar – das staunen lässt und verblüfft.

Es ist selten, dass eine archäologische Ausstellung parallel von einer Schau moderner Kunst begleitet wird und beide sich auf dasselbe Thema beziehen. Im Osnabrücker Land ist dies jetzt Realität. Anlass ist das 2000-jährige Jubiläum der Varusschlacht mit allen ihren Implikationen. Während die Archäologieschau „Imperium – Konflikt – Mythos“ das Verhältnis der Römer zu den Germanen umfassend beleuchtet, zeigt „Colossal – Kunst Fakt Fiktion“ die Auseinandersetzung von 20 internationalen modernen Künstlern mit der Varuslegende. Die Exponate sind locker im und um den Archäologischen Park Kalkriese verteilt, unter anderem in so exotischen Lokalitäten wie Kuhställen. Während einige Arbeiten auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas mit Varus zu tun haben, wird bei anderen der Zusammenhang schnell deutlich.

Besonders Hans Lemmens „Golden Boy“ zieht die Blicke der Betrachter auf sich, auch wenn diese erst einmal den perfekten Standpunkt finden müssen, von dem aus sich die auf drei Bäume eines lichtdurchfluteten Wäldchens verteilten Blattgoldsegmente zu einer kopflosen Figur mit Speer vereinigen. Die stark in die Länge gezogene Darstellung passt sich perfekt dem Trägermedium Baum an und erinnert an vorgeschichtliche Felsmalereien. Pedro Cabrita Reis errichtete entlang einer alten Fernhandelsroute zwei scheinbar sinnlose, zugangslose Holztürme, die den Titel „Enemies“ tragen und nicht nur Historiker an stilisierte Limestürme erinnern. Auch das Symbol der geronnenen Zeit, die Zinnlache „A.D.“ von Susanne Tunn, hinterlässt einen bleibenden Eindruck, nicht nur, weil sich das Kunstwerk über den Boden eines Kuhstalles ergießt. Die metallene Fläche evoziert mit ihren Lichtreflexen eine Art magischen See, aus dem jederzeit Arminius, Varus – oder aber das Schwert Excalibur – auftauchen oder versinken könnten. Und Fernando Sánchez Castillos „Pacto de Madrid“ verbindet endgültig moderne Kunst mit Archäologie – das Reiterstandbild des spanischen Diktators Franco ist bis zum Kopf von Pferd und Reiter in den Sand eingegraben; so kommt ein vergessen geglaubter – oder gehoffter – Mythos doch unweigerlich wieder ans Licht – oder aber verschwindet doch im Dunkel der Geschichte.

Die sehenswerte Kunstschau ist noch bis zum Ende des Jahres 2011 zugänglich und regt die Gedanken an, umherzuwandern und Verbindungen zu ziehen zwischen Gestern und Heute, zwischen Kunst und Mythos, zwischen Präsenz und Vergessen.

Quelle:

http://www.colossal.de.com/index.php?id=52

http://www.kunstaspekte.de/index.php?action=termin&tid=49894

– aro – 08/09

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