
Historischer Spionageroman
In Pantikapaion, der größten griechischen Koloniestadt, rumort es. Der junge Offizier Lysias bekommt einen wichtigen Geheimauftrag. Er soll als Spion ans Schwarzmeer reisen und eine Expedition vorbereiten, die die Tyrannen vertreiben und ein demokratisches, athenfreundliches System installieren soll. Jochen Fornasier erzählt spannend ein Abenteuer, das – ausgelöst durch handfeste Wirtschaftsinteressen und durchzogen von politischen Intrigen – seinen Lauf nimmt und das Schicksal vieler Menschen in einer ganzen Region verändert.
Historische Romane von Zabern
Interview mit Jochen Fornasier
Frage: Ihr Roman spielt an der Küste des Schwarzen Meeres und er zeigt, dass Sie sich in dieser Region der Welt besonders gut auskennen. Viele Details und Beschreibungen verraten, dass Ihnen Land und Leute vertraut sind. Nun ist das Schwarze Meer ein außergewöhnlicher Ort zum Reisen, woher kennen Sie die Gegend so außergewöhnlich gut?
Antwort: Die Nordküste des Schwarzen Meeres ist mir durch über 30 Reisen in den letzten beiden Jahrzehnten sehr vertraut. Bereits als Student hatte ich die Möglichkeit, die antiken Ruinen solch bedeutender griechischer Koloniestädte wie Olbia an der ukrainischen Schwarzmeerküste zu besuchen. Seit damals (1994) haben mich diese Gebiete und ihre z. T. sehr bewegte Geschichte in ihren Bann gezogen und seitdem nicht mehr losgelassen – und dies gilt sowohl für die antike Epoche als auch für die heutige Zeit. Zusammen mit meinen ukrainischen und russischen Kollegen, die seit vielen Jahren auf den unterschiedlichsten Grabungen dort tätig sind, stoßen wir dabei immer wieder ein Fenster in die Vergangenheit auf und knüpfen dabei gleichzeitig Freundschaften, die bis heute anhalten und die mich persönlich sogar in die Lage versetzt haben, meine Habilitationsschrift gerade über diese spannende Region zu schreiben.
Frage: Ihre Hauptfigur ist ein Spion im Dienste Athens. Handelt es sich um einen antiken James Bond?
Antwort: Nein, es ist eigentlich kein antiker James Bond. Der britische Spion mit der Lizenz zum Töten war ja bereits viele Jahre im Dienste seiner Majestät tätig, bevor er seine zahlreichen, auch im Film umgesetzten Abenteuer zu bestehen hatte. Lysias, die Hauptfigur des Romans, ist da ganz anders. Er ist ein junger, aufstrebender Soldat, der von heute auf morgen auf eine eher zivile Spionagefahrt geschickt wird und der erst im Laufe seines eigenen Abenteuers mit seinen Aufgaben wächst. Dabei ist das größte Manko für unseren Helden, dass die Kommunikationsmöglichkeiten der damaligen Zeit nicht den modernen Formen entsprechen. Während Mr. Bond mit seinem Hauptquartier in England jederzeit Kontakt halten konnte, ist Lysias fern der Heimat völlig auf sich allein gestellt. In einem fremden Umfeld muss Lysias nach freiem Ermessen agieren, ohne zu wissen, wie sich die Dinge in seiner attischen Heimat weiterentwickeln. Während James Bond in wenigen Stunden selbst die entferntesten Ziele erreichen kann mit all der modernen Transporttechnik, ist Lysias über ein halbes Jahr unterwegs, um an den fernen Kimmerischen Bosporos zu reisen. Hier liegen also einige der wesentlichen Unterschiede – und hier liegt auch der ganz besondere Reiz, gemeinsam mit Lysias die gefahrvolle Reise in das Schwarze Meer anzutreten und als Leser hautnah mitzuerleben, was unserem jungen athenischen Helden in der Fremde so alles widerfährt!
Frage: In Ihrem Roman tauchen immer wieder Personen und Orte auf, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt. Wie viel historische Wirklichkeit steckt denn sonst noch in Ihrem Roman? Und wie viel ist frei erfunden?
Antwort: Die historischen Rahmenbedingungen des Romans entsprechen der überlieferten Geschichte. Der Aufstieg der Spartokidendynastie in Pantikapaion, der drohende Krieg Athens mit Sparta, Perikles‘ Fahrt nach Sinope, der kulturelle Kontakt der Griechen mit den Skythen an der Nordküste des Schwarzen Meeres – all dies sind Begebenheiten und Situationen, die uns in den antiken Quellen überliefert sind. Diese realen Ereignisse bilden die Klammer für den Roman-Plot und werden immer wieder in den Fortgang der Geschichte mit eingebunden. Die ausschmückenden Details und die Hauptprotagonisten wie Lysias, Mike oder auch Dakos sind hingegen frei erfunden – allerdings sind diese Charaktere in das damalige historische Umfeld fest eingebunden, was heißen soll, dass es sie durchaus so hätte geben können. Und wer weiß? Vielleicht hat es sie in vergleichbarer Form auf tatsächlich gegeben? Im Roman dienen die Protagonisten jedenfalls dazu, die Erzählung spannend und auch überzeugend im Sinne eines „So hätte es sein können“ voranzutreiben.
Frage: Hätten Sie gerne selbst zu dieser Zeit und an diesem Ort gelebt?
Antwort: Die Antwort ist ein klares JA – allerdings nur mit einem Rückfahrticket in die Jetztzeit in der Tasche. Es wäre ein Traum für mich, einmal über die Straßen des antiken Pantikapaions zu schlendern und zu schauen, ob die Stadt tatsächlich so aussieht, wie wir Archäologen uns das heute – basierend auf dem neuesten Forschungsstand – so vorstellen. Denken Sie allein an all die Prachtbauten, die sicherlich eine beindruckende Skyline in der untergehenden Abendsonne gebildet haben müssen. Oder das quirlige Treiben im Hafen, all die Händler, die lautstark ihre Produkte aus aller Herren Länder hier darboten. Denken Sie an ein Treffen mit den Skythen, diesen legendären Steppennomaden, die als direkte Nachbarn der griechischen Kolonisten maßgeblich Einfluss auf die Entwicklung der städtischen Gemeinwesen hatten. Nach all diesen Erfahrungen würde ich dann allerdings gern zurück in die Jetztzeit kehren wollen, da einem die unterschiedlichsten Errungenschaften der Moderne, die einem das Leben im Vergleich zu damals ja doch sehr erleichtern, ziemlich ans Herz gewachsen sind. Aber wie gesagt: einmal für eine begrenzte Zeit in die Vergangenheit reisen und sich alles im Original anzuschauen, wäre schon toll!
Frage: Wie kommt ein Archäologe und Privatdozent dazu, einen historischen Spionageroman zu schreiben?
Antwort: Das ist eine gute Frage! Ich denke, allein die Möglichkeit, in einem Roman seinen Gedanken und Vorstellungen freien Raum zu lassen, ist Motivation genug. Man ist als Autor eines historischen Romans ja stets um Authentizität bemüht, so dass auch jede erfundene Figur, jeder Handlungsort, jede Situation zunächst auf ihre Plausibilität überprüft wird. Hat der Ort damals so ausgesehen? Hätte eine solch erfundene Person tatsächlich damals so aussehen bzw. so handeln können? Sind die historischen Entwicklungen stimmig miteinander in Einklang gebracht? All dies sind Fragen innerhalb der Vorbereitungsphase, die eine Menge an Recherche benötigen. Da sind die historischen Fakten, basierend auf Ausgrabungsergebnissen und antiken Quellen, die aber vielfach ohne direkte inhaltliche Verbindung auf uns gekommen sind. Der Roman kann hier eine Brücke schlagen, indem er die Lücken mit fiktiven, aber doch zumindest historisch möglichen Ergänzungen füllt. Das macht den besonderen Reiz eines historischen Romans aus – zu allererst für den Leser, aber doch auch für den Autor! Und es macht wirklich riesig Spaß, sich seinem eigenen archäologisch-historischem Fachwissen auch einmal auf diese Weise zu nähern!
Mit viel Kenntnisreichtum und mitreißender Spannung erzählt Jochen Fornasier von der Bedeutung eines einzigen Mannes für die Zukunft Griechenlands und der wichtigen Rolle des Bosporanischen Reichs als Getreidelieferant für die antike Welt.
[www.reisetravel.eu]
Archäologe Jochen Fornasier hat in seinem Debüt-Roman "Lysias" ein eher ungewöhnliches Thema spannend aufbereitet und überzeugend in den historischen Kontext eingebunden.
[Hörzu online]

Jochen Fornasier, Jahrgang 1968, ist verheiratet und lebt in Berlin. Er studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte, Vor- und Frühgeschichte sowie Ägyptologie. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Frankfurt tätig. Bei Zabern erschienen von ihm bereits „Das Bosporanische Reich“ und „Amazonen“.