Verlag Philipp von Zabern


Dem Schuh auf der Spur

„schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen“

Tuts Vorkammer
Laufsteg mit Modenschau-Präsentation (Foto: LWL, Angela Kalla).

Der Schuh – ein Gebrauchsgegenstand, der uns nicht nur täglich begleitet, sondern uns buchstäblich durch das Leben trägt. Ihm widmet die Sonderausstellung „schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen“ im Übersee-Museum Bremen vom 19. September 2009 bis 28. März 2010 ihre ganze Aufmerksamkeit und entführt die Besucher in vergangene Jahrhunderte und auf alle Kontinente.

„2“, „5 bis 6“ oder „ganz normal 30“ oder „über 100“ – so unterschiedlich lauten die Antworten einer Straßenumfrage nach der Anzahl der Paare im Schuhschrank, die der Eingangsfilm zur Ausstellung schuhtick im Übersee-Museum zeigt. Der Bundesbürger besitzt durchschnittlich 11 Paare, wobei Frauen 14 und Männer 8 Paare ihr Eigen nennen. Nicht allein die Quantität ist ein Indikator für einen Schuhtick, sondern in der Ausstellung geht es um die besondere Beziehung der Menschen zu ihren Schuhen.

Prominente und ihr Schuhtick

Bereits Ötzi, die Gletschermumie aus dem Hauslabjoch, besaß raffiniert konstruiertes Schuhwerk um den 3000 m hohen Alpenkamm zu überwinden. Sie bestanden aus unterschiedlichen Materialien in verschiedenen Schichten. Originalgetreue Nachbauten dieser Schuhe konnten bei experimentellen Versuchen durchaus mit modernen Trekkingschuhen standhalten, lediglich bei dauerhafter Feuchtigkeit traten einige Schwächen zutage. Dagegen hatte die Kaiserin Elisabeth von Österreich, Sissi genannt, Probleme mit ihren neuen Schuhen, die sie am Hof gemäß dem spanischen Hofzeremoniell bei offiziellen Anlässen zu tragen hatte. Da man damals Schuhe nur über ein und denselben Leisten fertigte und somit rechter und linker Schuh identisch waren, war das Einlaufen der Schuhe meistens eine schmerzhafte Prozedur. Elisabeth wollte daher gerne - entgegen dem Willen ihrer Schwiegermutter Sophie - ihre alten Schuhe wiederholt tragen.

Ebenfalls Zeitgeschichte erzählen die roten Schuhe von Kardinal Clemens August Graf von Galen, der den Beinamen der „Löwe von Münster“ aufgrund seiner Predigten gegen die Nationalsozialisten erhielt. Im Jahr 1946 wurde er zum Kardinal ernannt. Zu dem vollständigen Ornat eines Kardinals gehörten rote Schuhe. Allerdings war in den Nachkriegsmonaten Leder Mangelware, insbesondere rotes Leder. Hilfe kam von einer Dame aus Ahlen, die ihre rote Handtasche spendete, aus der die roten Kardinalsschuhe in Größe 48 gefertigt werden konnten.

Zeitzeichen Schuhe

Der aufrechte Gang des Menschen, bei dem das gesamte Körpergewicht kurzfristig auf einem Ballen liegt, mag die Triebfeder für die Erfindung eines Fußschutzes gewesen sein. Wann der Mensch den Schuh erfand und welches Aussehen dieser hatte, hat sich nicht überliefert. Da Schuhe aus organischen Materialien bestehen, zersetzen sie sich im Lauf der Zeit, es sei denn sie haben in Feuchtigkeit, beständiger Trockenheit oder Frost überdauert. Anthropologen sehen in Veränderungen von 40.000 Jahre alten Zehenknochen, die im Vergleich mit anderen graziler ausfallen, Hinweise auf das Tragen von Schuhwerk. Südeuropäische Felsmalereien aus der Mittelsteinzeit geben erste bildhafte Zeugnisse von Menschen mit stiefelähnlicher Fußbekleidung ab. Die Ausstellung zeigt die älteste Bastsandale Europas; sie ist 4900 Jahre alt und stammt aus dem Schlick des Bodensees aus der Pfahlbausiedlung Sipplingen.

Modische Raffinesse sowie Stilblüten zeigen die nachfolgenden Jahrtausende: Von römischen Caligae, mittelalterlichen Trippen, Absatzschuhen aus dem Barock (damals in erster Linie von Männern getragen) über zierliche Biedermeierstiefeletten und Notschuhe aus der Nachkriegszeit bis hin zu den Pfennigabsätzen der 1950er und Plateauschuhen aus den 1970er Jahren.

Schuhticks in überdimensionalen Schuhkartons

Fußbekleidung wurde ursprünglich zum Schutz unserer Füße vor Hitze, Kälte oder dornigem Boden entwickelt. Doch aus dem nützlichen Bekleidungsstück wurde schnell ein Accessoire, das noch weitere Bedeutungen zum Beispiel als Statussymbol, Kultobjekt, Glücksbringer, erotisches Signal oder Kunstobjekt erhielt.
Diese Themenpalette zeigt die Ausstellung in vier riesigen begehbaren Schuhkartons. Der Blick in den Schuhkarton mit der Überschrift „Glaube und Glück“ zeigt z. B. die Bedeutung des Schuhwerks in verschiedenen Lebensstationen auf. Die ersten Laufschuhe sind etwas ganz besonderes, da sich das Kind in ihnen die Welt selbstbestimmt erobern kann. Seit dem 19. Jh. ließen Eltern diese Erstlingsschuhe mit Kupfer, Silber oder Gold überziehen und bewahrten sie als Talisman auf. Zahlreiche Bräuche drehen sich um die Hochzeitsschuhe, vielleicht weil Fuß und Schuh als Fruchtbarkeitssymbole gelten. Auch auf dem letzten Weg erweist sich die Fußbekleidung als wichtiger Begleiter; häufig wurden dem Toten spezielle Begräbnisschuhe angezogen oder Amulette in Schuhform ins Grab gelegt, um ihm den Weg in Jenseits zu erleichtern.

Im Bereich der Kunst und Mode spielen Schuhe eine wichtige Rolle. Seit Vincent van Gogh 1886 erstmals ein Paar abgetragene Arbeitsstiefel zum zentralen Bildmotiv erhob, beschäftigten sich zahlreiche Künstler mit dem Thema. Aber auch Designer wie Salvatore Ferragamo kreierten wahre Kunstwerke am Fuß. Das Schaffen des italienischen Schuhmachermeisters setzte neue Maßstäbe, so ließ er sich allein 400 Ideen patentieren: Er erfand den Keilabsatz, die „unsichtbare Sandale“ - für die er durchsichtige Nylonfäden nutzte - und experimentierte mit ungewöhnlichen Materialien wie Kork, Cellophan oder Paketschnur. Bei all seinen Entwürfen besaßen Bequemlichkeit und gute Passform oberste Priorität.

Archäologen, Historiker sowie Kultur- und Naturwissenschaftler widmeten sich dem Thema Schuhe aus unterschiedlichen Perspektiven und präsentieren neue und ungewöhnliche Sichtweisen auf ein vermeintlich vertrautes Bekleidungsstück. Über 400 archäologische, kulturhistorische und ethnologische Exponate erzählen von der fabelhaften Welt der Schuhe und lassen gleichzeitig das Leben ihrer Trägerinnen und Träger lebendig werden.

- Andrea Müller -