
Jeder Münchner wird sie kennen: die Moriskentänzer, die Erasmus Grasser um 1480 für den Münchener Rathaussaal geschaffen hat. Als "morris-dances" wird ihr Tanz dem ein oder anderen Robin Wood-Interessierten ein Begriff sein. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Namen "Moriskentänzer"? Wer waren jene begabten Akrobaten, die mehr mittelalterliche Schauspieler waren als nur talentierte Tänzer?
Andrea Rottloff, Autorin von "Die Berühmten Schauspieler - Von der Antike bis zur Renaissance", nimmt sie mit in die Welt des höfischen Vergnügens und der exotischen Darbietungen:
Moriskentänzer gehörten zur spätmittelalterlichen Festkultur, sei es am herrschaftlichen Hof oder in der Stadt. Sie führten exotische Schautänze voller Gelenkigkeit und Akrobatik auf, die das staunende Publikum so noch nie zuvor gesehen hatte. Dieser Tanz ist immer ein Tanz mehrerer Männer um eine Frau, also ein Wettkampf um sie und um die Erringung eines Preises (etwa ein goldener Ball). Völlig gegensätzliche Typen von Männern konkurrieren dabei um die eine Jungfrau, wobei immer auch „Fremde“ wie Burgunder, Orientalen oder Mohren beteiligt sind. Ihre Bewegungen sind grotesk-ritualisiert, sie springen und verrenken ihre Glieder, um die Schöne zu beeindrucken. Daneben gab es auch Waffentänze.
Diese Sprungtänze standen in deutlichem Gegensatz zur „basse danse“, dem würdevollen Tanz des Adels und der lebhaften „haute danse“ der Hofgesellschaft. Spielleute oder Berufstänzer traten, kostümiert in „estrange fachon“, als Morisken auf. Es handelte sich also um einen Tanz, der aufgrund seiner akrobatischen Elemente nicht von „Normaltänzern“ ohne Weiteres nachgeahmt werden konnte und deshalb umso mehr Begeisterung beim Publikum auslöste. Dazu trug auch die geheimnisvoll-fremde Kostümierung der Tänzer bei, die den erotischen Charakter dieser „Liebeswerbung“ weiter unterstrich. Im Gegensatz zu höfischen Tänzen scheint es kein festgelegtes Schrittmuster gegeben zu haben, denn die Bewegungen der Tänzer waren zu einem großen Teil improvisiert, ebenso wie ihre Grimassen. Auch die grundlegende musikalische Begleitung besorgten die Tänzer selbst: Sie trugen an Kopfbedeckung, Armen und Beinen bronzene Schellen, die den Rhythmus der Schritte und Sprünge unterstrichen.
Die Moriskenstatuetten des Erasmus Grasser
Spricht man von Moriskentanz, so denkt jeder sofort an die berühmten hölzernen Statuetten verschiedener Tänzer, die Erasmus Grasser um 1480 für den Münchener Rathaussaal (damals Saal des „Tanzhauses“) geschaffen hat. Von den nach Aussage der Rechnung ursprünglich 16 Figuren sind noch zehn erhalten (leider nicht das „Objekt der Begierde“, die Frauenfigur) und heute im Stadtmuseum München zu bewundern. Die etwa 70 cm hohen, farbig und mit Goldbemalung gefassten Figuren zeigen verschiedene Typen bzw. Rollen (stock characters) von Tänzern, so den „Hochzeiter“, den „Bauern“, das „Schneiderlein“, aber auch den „Zauberer“, den „Orientalen“, den „Mohren“ und andere mehr. Die Bezeichnung als „maruszka tanntz“ in der Rechnung ist eine der frühesten Nennungen dieses Begriffes.
Grasser scheint der Erste gewesen zu sein, der diese Kunstform vollplastisch darstellte – vielleicht ein weiteres Zeichen dafür, dass er tatsächlich ein „Revoluzzer“ war, wie es einige Überlieferungen andeuten: Der aus Franken stammende junge Künstler sei ein „unfridlicher, verworner und arcklistiger knecht“ gewesen, dem die Münchner Bildhauerzunft den Beitritt verweigern wollte. Trotzdem fanden die Stadtoberen Gefallen an seinen Arbeiten, was sich in mehreren Aufträgen aus der Zeit zwischen 1477 und 1480 zeigt, deren bedeutendster die Gruppe der „Moriskentänzer“ war.
Ihre grotesken Bewegungen und exotischen Kostüme sind Anregung für eine Tanzgruppe aus Münchner Studentinnen und Studenten, die bei öffentlichen Auftritten das bunte höfische Leben zur Zeit der Moriskentänzer wieder zum Leben erwecken.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass es um die Herkunft dieses eigenwilligen Tanzes bis heute Diskussionen gibt. Eine Herleitung von den spanischen Maurenkämpfen wurde verworfen, ebenso eine Herkunft aus slavischen Volkstänzen. Zwar scheint sich der Name durchaus vom spanischen „morescas“ für „Mauren“ im Sinne von etwas „Exotischem“ abzuleiten, die Motivik und Ausführung des Tanzes stimmt damit jedoch nicht überein. Vielmehr kann man offenbar am neapolitanischen Hof um 1400 erste Vorläufer greifen, die sich schnell über ganz Europa ausbreiteten. Gerade der Schmelztiegel Neapel stellte einen idealen Nährboden dar, an dem wandernde Künstler aus allen Teilen der damaligen Welt zusammenkamen. Moriskentänzer gehörten bald ebenso zur Burgundischen Hofkultur wie zur Nürnberger Fasnacht des späten 15. und 16. Jhs., und in England waren diese Tänze so beliebt, dass sie adaptiert und mit den lokalen Robin-Hood-Spielen und den Frühjahrsfesten verbunden wurden (morris-dances). Ein besonders berühmter englischer Moriskentänzer war Will Kempe.
- ARo 09/2010 -
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