Roms verrückte Caesaren
Wenn Wahnwitz regiert
Während der Ermordung Caligulas soll sich sein Nachfolger Claudius hinter einem Vorhang versteckt haben. Die Ermordung eines unliebsamen Kaisers gehörte im antiken Rom quasi zu den Berufsrisiken der Herrscher - nur wenige starben eines natürlichen Todes (Sir Lawrence Alma Tadema, A Roman Emperor AD41; Foto: Wikimedia Commons)
Eine einzige Orgie aus Gewalt, Perversion und Irrsinn - so schildert der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio die nächtlichen Unternehmungen Elagabals, der Rom vier Jahre lang regierte. Nicht nur Nero war den Römern als wahnsinniger Kaiser bekannt, auch andere Herrscher traf diese Stigmatisierung nach dem Tod. Dr. Michael Sommer lehrt an der University of Liverpool Alte Geschichte. Mit "Die römischen Kaiser" legt er nun die perfekte Einstiegslektüre in die römische Geschichte vor und berichtet über den Alltag der römischen Herrscher - auch über ihre Verrücktheiten oder zumindest jene, die man ihnen nachsagte...
Ein Geschichtsschreiber sieht rot: Die kurze Herrschaft des Kaisers Elagabal (218-222 n. Chr.) war für den distinguierten Senator Cassius Dio Cocceianus, Verfasser einer römischen Geschichte in 80 Büchern, eine einzige Orgie aus Gewalt, Perversion und Irrsinn. Der Kaiser sei des Nachts durch die Tavernen der Hauptstadt gezogen, um den römischen Huren bei der Ausübung ihres Gewerbes zuzusehen; er habe das Gelernte sogleich selbst praktiziert und
sich den Freiern dargeboten, nachdem er die käuflichen Damen aus den Bordellen herauskomplimentiert habe. Gipfel des Abstrusen für den stolzen Senator: „Er bat seine Ärzte, seinen Körper vermittels eines Einschnitts mit einer Vagina auszustatten, und versprach ihnen hohe Summen dafür.“
Während die transsexuellen Phantasien des Kaisers lediglich den
Voyeurismus seiner Zeitgenossen bedienten, versetzte Elagabals religiöses Gebaren das römische Establishment in Alarmbereitschaft: Der Kaiser wagte es, den Götzen seiner syrischen Heimatstadt Emesa, den obskuren, in Form eines Meteorsteins verehrten Sonnengott Elagabal (dem er selbst, der
eigentlich Varius Avitus hieß, seinen Spitznamen verdankte), zum obersten Gott des römischen Pantheons zu erklären und ihm einen gigantischen Tempel auf dem Palatin zu errichten. Unerhört! Dieser Kaiser musste weg – und verschwinden musste auch die Erinnerung an ihn, nachdem er mitsamt seiner Mutter ein unrühmliches Ende von Mörderhand genommen hatte (222 n. Chr.).
Zum Glück verfügte die römische Gesellschaft über ein ganzes Arsenal von Gedächtnissanktionen, die gegen tote, missliebig gewordene Kaiser verhängt werden konnten. Gesetze wurden für ungültig erklärt, Statuen umgestoßen, Namen aus Inschriften getilgt, Münzen unkenntlich gemacht oder eingeschmolzen. Die – fast durchgängig senatorische – Geschichtsschreibung, die Perioden „schlechter“ Herrscher nicht einfach übergehen konnte, hängte
ihnen das Stigma des Irrsinns an: Caesarenwahnsinn als Diagnose der politischen Forensik war geboren. Indem man einen Kaiser post mortem für verrückt erklärte, schnitt man ihn aus der Herrschergalerie heraus; das Kontinuum der Kaisergeschichte wurde so gewissermaßen von schädlichen Einflüssen dekontaminiert.
Elagabal war nicht der einzige römische Kaiser, den das
Verdikt „Caesarenwahn“ nach seinem Tod traf. Eine Generation vor ihm hatte Commodus (180-192 n. Chr.) danach getrachtet, das römische Kaisertum ganz auf seine Person und seine männliche Kraft – virtus – zuzuschneiden. Er identifizierte sich mit dem Helden Herkules, erhob Rom zur Colonia Commodiana und trat sogar selbst in der Zirkusarena auf. Noch ein Jahrhundert vor Commodus hatte Domitian (81-96 n. Chr.) ebenfalls versucht, den von Augustus begründeten Prinzipat – der auf dem Konsens mit den Senatoren basierte – neu zu erfinden, als Autokratie, mit ihm selbst als allen Untertanen entrückten „Herrn und Gott“ (dominus et deus). Und vor Domitian waren Caligula (37-41 n. Chr.) und Nero (54-68 n. Chr.) berüchtigt für ihre Exzentrik und Grausamkeit. Während Nero nach und nach entdeckte, dass er als Kaiser tun und lassen konnte, was er wollte, ließ Caligula die Senatoren gezielt ihre Ohnmacht spüren – und seinen Spott. Sein Lieblingspferd Incitatus wolle er zum Senator machen, erklärte er höhnisch vor den versammelten Vätern in der Kurie.
Die senatorischen Geschichtsschreiber, allen voran Cassius Dio und der um ein Jahrhundert ältere Tacitus, zahlten es ihnen heim, allen: Caligula – ein wahnwitziger Wüterich; Nero – ein morbider Musikus; Domitian – ein debiler Despot; Commodus – ein degenerierter Dummkopf; Elagabal – ein perverser Psychopath. Per Stigmatisierung politisch unbequemer Kaiser zu pathologischen Fällen therapierten die Senatoren ohne große Mühe und bar jedes Risikos die kognitiven Dissonanzen, an denen sie angesichts der
Allmacht der Herrscher und ihrer faktischen politischen Einflusslosigkeit laborierten. Das heißt nicht, dass heutige Historiker gehalten sind, Caligula, Domitian & Co. zu rehabilitieren. Viel spricht in der Tat dafür, dass sie unangenehme Zeitgenossen waren und unzählige Menschen unter ihnen zu leiden hatten. Doch ist die statistisch kaum plausibel zu begründende Häufung von Narren im römischen Purpur eben vor allem ein Reflex der politischen Zustände im Prinzipat: der Widersprüche und Fiktionen, die seit seiner Begründung durch Augustus diesem System innewohnten.
- Michael Sommer -