
Die Sphinx gehört zu den rätselhaften Gestalten der Kulturgeschichte. Es sind große Werke und Themen, die mit dem Begriff «Sphinx» verbunden werden: die «Sphinx von Gizeh» als Inbegriff Ägyptens, «Ödipus und die Sphinx» als einer der bekanntesten Mythen des klassischen Griechenlands. Aber die Sphinx ist mehr, sie ist ein vielseitiges Wesen, das in den antiken Kulturen sehr unterschiedlich wahrgenommen wurde und dessen Bilder verschiedene Aufgaben zu erfüllen hatten. Die Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin geht diesem Phänomen nach und zeigt eine Auswahl an Gipsabgüssen nach Vorbildern aus Ägypten, Vorderasien, Griechenland, Etrurien und Rom. Es sollen die Wege der Sphinx in diesen Regionen nachgezeichnet, ihr Bedeutungswandel, verschiedene Erscheinungsformen und die Verwendungskontexte der Bilder an ausgewählten Beispielen aufgezeigt werden.
Die Verbindung eines menschlichen Kopfes mit dem Körper eines Löwen begegnet uns in Ägypten bereits seit dem Alten Reich (ca. 2700–2190 v. Chr.). Die Sphinx von Gizeh ist ein frühes Beispiel. In ihr sah man später – im Neuen Reich – eine Erscheinungsform des Gottes Harmachis. Doch die bzw. der Sphinx ist auch der Herrscher selbst (Abb. 1). In Syrien erhält die Sphinx ihre Flügel: Aus dem ägyptischen Menschenlöwen wird der geflügelte Menschenlöwe. Er hat nun andere Bedeutungen. Sphingen sind nicht mehr Götter und auch nicht Herrscher, sie dienen vielmehr den Göttern und Herrschern, werden von ihnen bezwungen und als Schutzwesen nutzbar gemacht. Im 2. Jt. v. Chr. und dann erneut im 8. und frühen 7. Jh. v. Chr. kommt die Sphinx in Griechenland an. Zunächst erscheint ihr Bild auf Vasen und anderen Produkten der Kleinkunst. Sie wird mit Tieren und Mischwesen zu Friesen verbunden und ist in diesen Bildern Teil einer wilden Tierwelt, die als Gegenwelt zu der sich herausbildenden Kultur der Griechen zu verstehen ist. Als Skulpturen fungieren die Mischwesen als Wächter an Gräbern und werden in Heiligtümern als Weihgeschenke auf hohen Säulen aufgestellt (Abb. 2).
Abb. 2
Sphinx aus Spata (Griechenland). 2. Viertel des 6. Jh. v. Chr. Vorbild: Athen, Nationalmuseum. Abguss: Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin (Foto: Antonia Weiße).
Schrittweise wird nun der geflügelte Menschenlöwe zur eigentlichen Sphinx. Denn der Begriff «Sphinx» kann zwar als neutraler terminus technicus für die Bildform benutzt werden, ist hier nun aber der Name einer Kreatur aus dem griechischen Mythos und hebt die individualisierte Gestalt von der Gattung der anonymen Mischwesen ab. Die Sphinx tyrannisiert die Bevölkerung des griechischen Theben, bis Ödipus kommt und die Stadt von der Plage befreit.
Lorenz Winkler-Horaček
Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin
Wege der Sphinx – Monster zwischen Orient und Okzident
verlängert bis zum 27. November 2011
Geöffnet: Do–So 14–17 Uhr
Schloßstr. 69b, D-14059 Berlin