Verlag Philipp von Zabern


Ein Themenspezial

Verführung durch die Jahrhunderte

Tuts Vorkammer
Unzählige Liebschaften pflegte Zeus, Göttervater und Verführer. Danae erlag ihm als er in Form eines Goldregens erschien - festgehalten auf einem rotfigurigen Vasenbild (Foto: Jastrow 2006/Wikipedia).

Die hohe Kunst der Verführung - für manche ein Buch mit sieben Siegeln. Oft fühlen wir uns als Opfer betörender Worte, hingebungsvoller Taten - doch wer sind die Täter? Kauflust verführt zu unüberlegten Erwerbungen, das Böse zieht seine Adressaten auf die dunkle Seite. Und der Klassiker? Liebe und Leidenschaft...

„Verführung“ bedeutet nach Aussage der Lexika das Manipulieren des Willens einer Zielperson nach den eigenen Vorlieben – und der Trick dabei ist, dass diese es nicht merkt (oder zumindest nicht offen protestiert).

Wie das praktisch funktioniert, wussten schon die alten Griechen und Römer, denn gegen ihren größten Weiberhelden war Giacomo Casanova ein Anfänger: Zeus, der Göttervater. Unzählige menschliche und göttliche Damen konnten sich rühmen, von ihm begehrt worden zu sein, und wenn er als „er selbst“ nicht zum Ziel kam, so schreckte der als Gestaltwandler berüchtigte Gott vor nichts zurück, um die jeweilige Dame seiner Begierden beglücken zu können: Er nahm die Gestalt von deren eigenem Ehemann an, begegnete seinen Angebeteten als Stier, Schlange und Schwan, oder ging, besonders apart, als Goldregen auf sie nieder – sehr zum Unmut seiner eifersüchtigen Gattin Hera, die sich gelegentlich auf entsprechendem Wege rächte. Denn antike Götter waren eines sicher nicht: keusch; und ihre Jünger und Jüngerinnen bemühten sich tagtäglich, ihren Vorbildern nachzueifern. So kam es, dass Liebe und Erotik im Leben der Antike einen bedeutenden Platz einnahmen.

Am Augenfälligsten ist die Darstellung „eindeutiger“ Szenen in allen Lebensbereichen – Gegenstände des täglichen Bedarfs trugen erotische Motive oder Symbole (die passenderweise als unheilabwehrend galten), die Wände nicht nur der Freudenhäuser waren „ansprechend“ bemalt, und vor allem das Tafelgeschirr für die Gelage gab in seinem Dekor ausreichend Anschauungsmaterial zur Nachahmung. Deshalb gibt es heute in fast jeder Antikensammlung der schnöden Masse vorenthaltene „Geheimkabinette“ (sogar – oder gerade?? – in den Vatikanischen Museen....), denn die „modernen“ Menschen hatten mit der ausgelebten Freizügigkeit der Antike lange ein Problem.

Offenbar jedoch weniger mit der erotischen Literatur: Nur auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass ausgerechnet die Ars Amatoria des Ovid, ein mit Beispielen für beide Geschlechter versehenes „Handbuch“ zur erfolgreichen Verführung, zu den bis ins christliche Mittelalter hinein am häufigsten rezipierten Werken lateinischer Autoren gehört. Ob jedoch solche Texte auch weiterhin dieselben Auswirkungen wie in der Antike hatten, sei dahingestellt. In der Römerzeit jedenfalls regten sie die Menschen bis hin zum ärmsten Sklaven an, seine Verführungskünste zu erproben – und sich nach vollbrachter Tat etwa auf der Wirtshauswand in Pompeji für die geneigte Nachwelt zu verewigen: „Ich habe die Wirtin ge*****!“

Denn unser Bild von der keuschen, spröden Antike entstammt den Ideen sittenstrenger, oftmals national gesinnter Forscher des 19. Jhs., denen Ruhm, Ehre und Vaterlandstreue so viel mehr bedeuteten als Liebe und Verführungskünste – der Kriegsgott Mars, seines Zeichens heimlicher Liebhaber der verheirateten Liebesgöttin Venus, stand leider allzu oft höher im Kurs als seine Geliebte. Doch hätte es die Kunst der Venus und des Zeus nicht ebenso gegeben, hätte das Römische Reich (und auch kein anderes) mangels Nachwuchs überhaupt nicht über Jahrhunderte hinweg existieren können!


– aro – 02/10
 
 
Verführerisch liegt das Paar sprichwörtlich sündteurer Schuhe in der Auslage. Ob man sie nicht wenigstens kurz anprobieren soll? Nicht kaufen, nur ein kurzer Blick... So beginnt Verführung! Werbung verführt uns mit dem Anblick schöner Körper, betörenden Versprechen. Schon seit der Antike als Verführer gefürchtet ist das Böse - personifiziert in der Gestalt des Teufels, von Dämonen und selbstbewussten Frauen. Denn Leidenschaft und Erotik sind wohl der Klassiker unter den Verführern. Unzählige Liebschaften erzählen von der hohen Kunst der Verführung, ihren Opfern und den Tätern. Aber wer will nicht hin und wieder Opfer sein und der Versuchung erliegen? Dem Sahnetörtchen im Café, den Schuhen im Schaufenster der Boutique oder dem Buch, das uns in ferne, vergangene Welten verführt...