Verlag Philipp von Zabern


Ergebnis von Leipziger Forschungen am Max-Planck-Institut

Steinzeitflirt mit Folgen – Der Neandertaler in uns

Tuts Vorkammer
Svante Pääbo mit einem rekonstruierten Neandertalerschädel. (Foto: Frank Vinken)

Unser Verhalten hat es schon manchmal vermuten lassen – jetzt ist es wissenschaftlich belegt. Der Höhlenmensch ist vor rund 30 000 Jahren nicht völlig ausgestorben, sondern lebt noch heute in uns weiter. Bisher waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass der moderne Mensch kein direkter Nachfahre des Neandertalers ist und dieser als menschliche Nebenlinie ausgestorben sei. Diese Annahme kann jetzt durch neueste Forschungsergebnisse widerlegt werden.

Nun ist es bewiesen, vor 50 000 bis 100 000 Jahren kamen sich der heutige Mensch und der Neandertaler näher und zeugten gemeinsame Nachkommen. Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig unter der Leitung von Svante Pääbo ist es gelungen das Erbgut des Eiszeitmenschen zu 60 Prozent zu entschlüsseln. Untersucht wurden 400 Milligramm Knochenstaub, welche vor allem aus den Schienbeinen dreier Neandertalfrauen entnommen wurden, die aus der Vindija-Höhle im heutigen Kroatien stammen und rund 44 000 bis 38 000 Jahre alt sind. Neben der DNA von Mikroorganismen und Bakterien, die sich auf den fossilen Knochenresten fanden, war es möglich mit Hilfe eines winzigen Restes der Zellkern-DNA die Spur des Neandertalers zu verfolgen. Der Vergleich der Basenpaare mit jenen der heutigen Bevölkerung zeigt: Wir tragen ein bisschen Neandertaler in uns.

Dass tatsächlich eine Vermischung statt gefunden haben muss, belegt die Ähnlichkeit der Steinzeit-DNA nicht nur zu Europäern, sondern auch zu Einwohnern Asiens und Ozeaniens. Eine Übereinstimmung mit afrikanischer DNA hingegen kann nicht nachgewiesen werden. Pääbo und sein internationales Team haben eine einfache Erklärung hierfür: Die Kreuzung muss stattgefunden haben, nachdem der moderne Mensch Afrika verlassen hat und noch bevor sich die Populationen, aus denen heutige Europäer und Asiaten hervorgingen, voneinander abspalteten. Als möglicher Ort für den entscheidenden Kontakt kommt daher der Nahe Osten in Frage, wo der Neandertaler schon vor mehr als 100 000 Jahren ansässig war und von wo aus unsere Vorfahren weiter nach Europa im Westen und Asien im Osten zogen, um schließlich die Welt zu erobern. Allerdings ist der übereinstimmende Erbanteil mit ein bis vier Prozent gering, jedoch ausreichend um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen heutigem und Eiszeitmensch zu beobachten. Während beide das sog. Sprachgen in moderner Form aufweisen, besitzen nur wir ein Gen, das für die Ausformung körperlicher Merkmale verantwortlich zeichnet. Diesem verdanken wir es beispielsweise, dass wir heute keine – für den Neandertaler so typischen – Überaugenwülste mehr haben. Ebenso verfügt auch nur die gegenwärtige Bevölkerung über drei Gene, die nach der Mutation geistige und kognitive Fähigkeiten beeinträchtigen und Krankheiten wie das Down-Syndrom, Autismus und Schizophrenie hervorrufen können.

Vor rund 30 000 Jahren verliert sich die Spur des Neandertalers in abgelegenen Höhlen auf der Iberischen Halbinsel und der Homo sapiens, unser direkter Vorfahre, ist es, der sich im Kampf der Evolution durchsetzt. Aktuell lassen sogar neuste Forschungen vermuten, dass nicht nur der Neandertaler, sondern auch andere späte Arten der Gattung Homo, wie der Homo floresiensis und der erst vor wenigen Monaten in Sibirien entdeckte «Denissowa-Mensch», ihren genetischen Fingerabdruck in unserem Genom hinterlassen haben.

 

– AW-Redaktion –


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