
Troia steht auch nach nunmehr 21 Jahren aktueller Ausgrabungen weiterhin im Fokus der Archäologie. 2009 gelangen den Archäologen wieder spektakuläre Funde, welche die Bedeutung Troias für die Forschung unterstreichen.
In der mittlerweile 22. Saison seit 1988 bezogen vom 20. Juli bis zum 3. September insgesamt 44 Forscher um Prof. Ernst Pernicka aus Tübingen in der antiken Stadt Troia Quartier. Obwohl das Hauptaugenmerk mittlerweile auf ergänzenden Arbeiten an Fundmaterialien und der Gesamtpublikation liegt, waren auch in diesem Jahr Grabungen nötig. Die Funde, die dabei auf der relativ kleinen Grabungsfläche von 50 m2 im Osten der Unterstadt gemacht wurden, werfen spannende Fragen auf, geben aber auch Antworten auf lange andauernde Kontroversen. So konnte zum einen die Aufdeckung des spätbronzezeitlichen Troia VI-Verteidigungsgrabens im Grabungsareal HI25/26 die im Vorjahr vermutete Rekonstruktion bestätigen. Darüber liegende Reste von bronzezeitlichen Mauerstücken bestätigen erneut die Hypothese, dass die Stadt am Ende der Bronzezeit in Troia VIIa noch weit über das vom inneren der beiden bisher bekannten Gräben umschlossene Gebiet hinauswuchs.
Sehr überraschend für das Team von Wissenschaftlern und Ausgräbern war hingegen der Fund zweier Gräber unmittelbar neben der Innenseite des Verteidigungsgrabens. Trotz der schlechten Erhaltung der beiden Skelette, denen einige Knochen fehlten, konnte Dr. Henrike Kiesewetter in anthropologischen Untersuchungen für den in Rückenlage bestatteten Toten männliches Geschlecht und ein Alter von 25 – 30 Jahren nachweisen, für den in Hockerlage bestatteten weibliches Geschlecht und ein Alter von etwa 25 Jahren. Ungewöhnlich ist auch der Fund eines kleinen Säuglingszahnes beim Schädel der jungen Frau. Der Zahn könnte durch postmortale Migration zum Schädel gelangt sein und deutet vielleicht darauf hin, dass die Tote mit ihrem Neugeborenen bestattet wurde. Da keine Grabbeigaben gefunden wurden, lässt sich die Datierung durch die sicher zu assoziierende Keramik nur auf Troia VI bis Troia VIIa eingrenzen.
Doch trotz dieser unklaren Ausgangslage werden die Umstände der Bestattungen von den Ausgräbern auf zwei Szenarien eingegrenzt. Entweder wurde eine ältere Doppelbestattung bei der späteren Anlage des Grabens teilweise zerstört, womit das Fehlen der unteren Extremitäten zu erklären wäre; zum anderen könnte allgemein an eine Krisensituation gedacht werden. Das Rätsel um die beiden toten Bewohner Troias soll mit Hilfe weiterer naturwissenschaftlicher Untersuchungen und Radiokohlenstoffdatierungen der Skelette gelöst werden.
Von der Bronzezeit bis in die Spätantike
Ein weiterer wertvoller Fund ist das Marmorrelief eines geflügelten Eros-Knabens, das sich im spätrömischen Schutt eines Hauses befand. Desweiteren muss noch ein Troia VIIb-zeitlich datiertes Keramikgefäß genannt werden, welches zwischen den Mauern jüngerer römischer und hellenistischer Häuser in einer spätbronzezeitlichen Schicht zu Tage trat.
Neben den laufenden wissenschaftlichen Arbeiten, zu denen Grabungen sowie die Auswertung der Fundmaterialien gehören, wurden natürlich auch die Instandhaltungsarbeiten an der Ruine weiter verfolgt. Unter der Ägide der TroiaStiftung wurden die Touristenwege, vor allem die Abschnitte auf Holzbrücken, weiter erneuert und ausgebaut. Ein wichtiger Schritt ist zudem auf dem Weg zum geplanten Troia-Museum getan. Nachdem die verantwortlichen Stellen in der Türkei mit ersten Vorarbeiten für das geplante Museum begonnen haben, wurde das Grundstück neu vermessen und verschiedene bau- und naturschutzrechtliche Verfahren abgeschlossen. Das Museum Çanakkale hat mit Grabungen begonnen, die sicher stellen sollen, dass beim Museumsbau nichts zerstört wird.
Auch Ausblicke auf die kommenden Jahre können schon gegeben werden. Im nächsten Jahr wird wieder die Arbeit an der Gesamtpublikation im Vordergrund stehen, wobei die Fertigstellung des Bandes über das spätbronzezeitliche Troia geplant ist. Trotzdem werden erneut Grabungen durchgeführt werden, was die spektakulären Funde der diesjährigen Kampagne fast notwendig erscheinen lassen.
- Projekt Troia, Tübingen -