
Grausamkeit und Machthunger wurden Tarquinius Superbus, dem letzten etruskischen König Roms, der Legende nach zugeschrieben. Sein Sohn Sextus Tarquinius soll dem in nichts nachgestanden haben. Nun soll es italienischen Archäologen gelungen sein, die Residenz dieses Herrschergeschlechts im latinischen Gabii auszugraben und damit viele, wertvolle Informationen zu erhalten.
Gerade einmal 10% der Stadt Gabii, 20 km östlich von Rom in Latium gelegen, sind ausgegraben, und schon jetzt haben die Archäologen um Marco Fabbri (Università di Tor Vergata) Erstaunliches entdeckt: ein Gebäude aus dem 6. Jh. v. Chr. , das vermutlich von der lokalen Elite als Residenz genutzt wurde. Über 2 m hoch sind die erhaltenen Mauern des Gebäudes – einzigartig für die archaische Epoche in Italien. Bis oben hin mit Geröll gefüllt, war es ein langer Weg das Gebäude freizulegen, aber auch ein lohnenswerter, denn die Schuttmassen hatten dafür gesorgt, dass der Boden konserviert wurde. Auf diese Weise wurden dort fünf kleine Kammern mit den Skeletten von Säuglingen gefunden. Auch Fragmente des Daches bzw. der Dachterrakotten sind erhalten, und so hoffen die Archäologen mehr über den Aufbau des Hauses, seine Nutzung und Bewohner erfahren zu können.
Eine Dachterrakotte, welche den Minotaurus zeigt, soll bereits erste Hinweise auf die ehemaligen Bewohner der Residenz geben: Ganz ähnliche Dachterrakotten schmückten auch die „Regia“ in Rom, deren Bau und Nutzung den etruskischen Königen zugeschrieben wird. Servius Tullius, der Zweite in ihrer Reihe, wählte die Figur des Minotaurusbezwingers Theseus, um seine Regentschaft in Rom zu legitimieren. Herrschte in Gabii, dem „kleinen Rom“, also ebenfalls die etruskische Königsfamilie der Tarquinier?
Weitere Parallelen zur „Regia“, der königlichen Residenz Roms, liegen offenbar in der Datierung des neu entdeckten Gebäudes: Wie auch in Rom soll bereits im 7. Jh. v. Chr. an dieser Stelle ein erstes Gebäude errichtet worden sein. Mit der Vertreibung der etruskischen Könige aus Rom und der Gründung der Römischen Republik 509 v. Chr. scheint auch der Untergang Gabiis begonnen zu haben, das bereits um 1000 n. Chr. verlassen war. Dieser frühe Niedergang der Stadt führte jedoch auch dazu, dass das kulturelle und politische Zentrum Gabiis weder in republikanischer Zeit noch später überbaut wurde und so die einmalige Gelegenheit gibt, außergewöhnlich gut erhaltene archaische Baustrukturen zu untersuchen.
Erst 10% von Gabii sind erforscht. Schon jetzt wurden neue Erkenntnisse gewonnen und lassen auf viele weitere Informationen hoffen, welche sich noch unter der Erde verbergen. Hierzu gehört vor allem die Frage nach den Säuglingsbestattungen innerhalb der „Residenz“: Ihre kleinen Skelette zeigen keinerlei Spuren eines Mordes, ihre Deutung als „Bauopfer“ wird ausgeschlossen. Handelt es sich bei den Säuglingen, der jüngste eben erst geboren, der älteste nicht einmal ein Jahr alt, um die zu früh verstorbenen Nachkommen einer lokalen Königsfamilie – um unbekannte Nachfahren der etruskischen Herrscher über Rom? Einige Fragen werden die Ausgrabungen in diesem Jahr sicherlich noch beantworten können.
- AW -