
"Editha identifiziert!" - diese Schlagzeile lässt Archäologen und Historiker aufhorchen. Die Gebeine der englischen Königstochter Edgith/Editha hatte man bereits im November 2008 bei der Bergung des kleinen Bleisargs in selbigem vermutet, doch erst jetzt gelang die zweifelsfreie Zuordnung. Im Interview erklärt Professor Dr. Kurt Alt von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, worauf sich seine Ergebnisse stützen, welche Schlüsse daraus gezogen werden können und warum es überhaupt so schwierig ist, historische Personen anthropologisch eindeutig zu identifizieren:
Herr Professor Alt, Sie haben die anthropologisch-naturwissenschaftliche Untersuchung der Gebeine aus dem Bleisarg vorgenommen, der 2008 bei Ausgrabungen im Magdeburger Dom zutage kam, und konnten diese nun zweifelsfrei Edgith/Editha, der Gemahlin Ottos des Großen, zuschreiben. Wie kommt es, dass die Funde aus Magdeburg an der Universität Mainz untersucht wurden?
Das Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt und meine AG verbindet eine langjährige, sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit einigen wissenschaftlichen Highlights in den letzten Jahren. Wir haben gemeinsame Drittmittelprojekte von DFG und VW-Stiftung und untersuchen Dutzende von Fundplätzen in Sachsen-Anhalt unter anthropologischen Aspekten. In die Arbeiten im Dom von Magdeburg sind wir schon seit 2005 involviert, insofern ist es kein Zufall, dass wir jetzt Editha untersucht haben.
Die anthropologische Untersuchung unterscheidet sich grundsätzlich von jener durch Archäologen oder Historiker, die ihre Ergebnisse auf eine genaue Beobachtung der Fundumstände und ein Studium der Quellen stützen. Welche Methoden stehen Ihnen zur Verfügung, aus welchem Fundmaterial können Sie Ihre Schlüsse ziehen?
Unsere Quellen sind die biohistorischen Überreste, in der Regel Knochen, Zähne, Haare und sonstige organischen Materialien, die sich erhalten. Mit konventionellen und modernen Methoden der Anthropologie versuchen wir damit Antworten auf Fragen zu geben, welche die Vergangenheit unserer Vorfahren betreffen: Mensch oder Tier, Mindestindividuenzahl, Alter, Geschlecht, Körperhöhe, genetische Verwandtschaft, Ernährung, Herkunft, Mobilität, Migration, Genetisches Profil, Stressmarker, Krankheiten, Verletzungen u.a.m. Die eingesetzten Methoden sind beschreibend (Morphologie, Metrik), biochemischer (Physiologie) und molekulargenetischer (Geschlecht, Verwandtschaft, Herkunft) Art. Die Anwendung dieser Methoden lässt uns heute Biographien erstellen und Aussagen treffen, die vor einigen Jahren noch unmöglich schienen.
Mit der Strontium- und Sauerstoffisotopenanalyse kommt heutzutage eine Untersuchungsmethode zum Zuge, die weit in die Vergangenheit eines Menschen hineinleuchten kann. Die Kindheit und Jugend eines Menschen, von dem wir bisher häufig nicht mehr wussten, als sein grobes Sterbealter und den Ort seiner Bestattung, wird transparenter. Welche Informationen können Sie hier genau gewinnen, und auf welchen Merkmalen basieren Ihre Ergebnisse?
Mit den Isotopenuntersuchungen von Strontium und Sauerstoff können wir heute neben dem genetischen Fingerprint auch einen geochemischen Fingerprint einsetzen, der uns erlaubt Einheimische und Fremde zu unterscheiden. Im Hartgewebe der Zähne, genauer im Zahnschmelz, ist die frühe Kindheit und Jugend eines Menschen verewigt. Der Zahnschmelz hat keine Zellen und verändert sich nicht während des Lebens, anders als beispielsweise Knochen. Damit ist der Zahnschmelz ein Archiv der Kindheit, weil er anzeigt, wo eine Person ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Strontium und Sauerstoff kommen über Trinkwasser und Ernährung in die Hartgewebe und sind dort gespeichert. Konkret wird beim Strontium das Verhältnis von Sr87/Sr86 betrachtet, das in unterschiedlichen geologischen Formationen variiert. Aus den erhaltenen Ergebnissen ist man in der Lage eine Region als diejenige zu bestimmen, in der ein Mensch geboren wurde und gelebt hat oder die er, während der Kindheit oder als Erwachsener verlassen hat.
Recht unscheinbar wirkt der kleine Bleisarg, der im November 2008 im Magdeburger Dom zutage kam - doch zurecht stand er im Mittelpunkt der großen Landesausstellung "Aufbruch in die Gotik": Anthropologisch-naturwissenschaftliche Untersuchungen haben nun bestätigt, dass sich in ihm die Gebeine Edgiths, der Gemahlin Ottos des Großen befanden (Foto: LDA Sachsen-Anhalt).
Zurück zu Edgith, der Toten aus dem Magdeburger Bleisarg: Auch hier hat die Strontium- und Sauerstoffisotopenanalyse geholfen, Genaueres über die Kindheit und Jugend der Königsgemahlin zu erfahren. Welche Informationen konnten Sie zusammentragen? Nicht nur die Kindheit und Jugend Edgiths wurde durch die anthropologisch-naturwissenschaftliche Untersuchung transparenter. Ihre Ergebnisse beleuchten auch ihr weiteres Leben. Welche Schlüsse konnten Sie außerdem aus dem vorliegenden Knochenmaterial ziehen?
Im Sinne eines Indizienbeweises haben wir alle Informationen zusammengetragen, die uns Auskunft über die untersuchte Person geben konnten, von der angenommen wird, dass es sich um Editha handelt. Aus den historischen Quellen waren nur bekannt: Geschlecht, Alter und Herkunft. Alle von uns generierten Daten und Informationen lassen den Schluss zu, dass es sich nur um Editha handeln kann. Es gibt kein einziges Indiz, das dagegen spricht und es gibt einige essentielle Indizien, die die Identität stark stützen: Insbesondere der unabhängig in zwei Labors in Mainz und Bristol erbrachte Beleg für ihre Herkunft aus England (Sr/O-Isotopie).
Im Falle Edgiths stimmen Anthropologie, Archäologie und Geschichte überein. Dies ist in Erforschung des Mittelalters ein durchaus leider seltener Fall. Warum ist es so schwierig, bei archäologischen Ausgrabungen geborgene Knochen einer historischen Persönlichkeit zuzuordnen? Oftmals lassen Inschriften und ein Studium der schriftlichen Quellen doch bereits auf eine bestimmte Person schließen, und dennoch fehlt der letztendliche – naturwissenschaftliche – Beweis.Die Skeletterhaltung von historischen Persönlichkeiten ist häufig schlechter als diejenige von schlichten Bodenbestattungen auf einem Friedhof. Das hat u.a. mit den Begleitumständen der Bestattung zu tun. Eventuell benutzte Materialien wie Kalk, die bekannt dafür sind, dass sie beispielsweise den Leichengeruch mindern, verursachen andererseits große Schäden an der DNA, die molekulargenetischen Untersuchungen verhindern. Viele der modernen Methoden aus der Genetik und Geochemie waren vor 10 Jahren noch recht „exotisch“ und es fehlt häufig auch an den finanziellen Mitteln, die heute prinzipiell zur Verfügung stehenden Methoden so umfassend wie möglich einzusetzen.
Vielen Dank!
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