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5 Fragen an...

Professor Dr. Harald Meller

Tuts Vorkammer
Professor Dr. Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Honorarprofessor für das Fachgebiet "Archäologie Europas" an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, konnte 2002 mit dem Ankauf der "Himmelsscheibe von Nebra" einen Jahrhundertcoup vermelden. Nun gelang ihm eine nicht minder weitreichende Sensation: Die Gebeine Edithas, der Gemahlin Ottos des Großen, wurden in Magdeburg ausgegraben und zweifelsfrei identifiziert (Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen Anhalt, Juraj Lipták).

"Editha identifiziert!" - diese Schlagzeile ließ vor einigen Wochen Archäologen und Historiker aufhorchen. Die Gebeine der englischen Königstochter Edgith/Editha hatte man bereits im November 2008 bei der Bergung des kleinen Bleisargs in selbigem vermutet, doch erst kürzlich gelang die zweifelsfreie Zuordnung. Im Interview erklärt Professor Dr. Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Honorarprofessor für das Fachgebiet "Archäologie Europas" an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, welche Bedeutung das Forschungsergebnis für die Stadtgeschichte Magdeburgs hat, welche archäologischen Befunde das naturwissenschaftlich-anthropologische Ergebnis stützen und wie diese gemeinsam in Zukunft präsentiert werden sollen:

Herr Professor Meller, 2002 gelang Ihnen mit dem Ankauf der durch Raubgräber entdeckten „Himmelsscheibe von Nebra“ ein Jahrtausendcoup. Nun konnten Sie die eindeutige Identifizierung der Gebeine Edgiths bekannt machen – für die archäologisch-anthropologische Forschung ebenfalls eine Sensation! Was bedeutet dieses Ereignis für die Archäologie Sachsen-Anhalts?

Selbstverständlich ist die Entdeckung und Identifizierung der Gebeine Edgiths bzw. Edithas, wie Sie im Deutschen gemeinhin genannt wird, nicht nur für Sachsen-Anhalt, sonder auch für Deutschland und besonders England ein herausragendes archäologisches Ereignis. Das Land Sachsen-Anhalt bekennt sich entgegen ansonsten beobachtbarer Tendenzen auf das Nachhaltigste zu seiner Kulturgeschichte und Archäologie. Dementsprechend wird es immer wieder mit herausragenden Entdeckungen belohnt.

Der Werbe-, Identifikations- und Tourismuseffekt dieser Entdeckungen dürfte bei Weitem die eingesetzten Mittel übersteigen. Das konsequente Handeln des Landes in diesen Fragen hat also Vorbildfunktion.

Im letzten Jahr standen Magdeburg und der Magdeburger Dom im Mittelpunkt der großen Landesausstellung „Aufbruch in die Gotik“. Anlass war das 800jährige Jubiläum der Errichtung des Magdeburger Doms – der ersten im Gotischen Stil erbauten Kathedrale Deutschlands. Heute ist der Dom eines der wenigen letzten Zeugnisse der langen Geschichte Magdeburgs. Welche Rolle spielt die Identifizierung Edithas somit auch für Magdeburg, das durch den Zweiten Weltkrieg und die nachfolgenden Stadtumgestaltungspläne ja einen Großteil seiner historischen Substanz verloren hat?

Ich glaube, gerade weil die Stadt Magdeburg, eine der bedeutendsten Städte des Mittelalters, zweimal das Opfer verheerender Zerstörungen wurde, spielt das Geschichtsbewusstsein und die Reflektion über die Stadt selbst im Magdeburger Bürgertum eine außerordentliche Rolle. Magdeburg identifiziert sich durchaus - der Zukunft zugewandt wie kaum eine andere Stadt - mit ihren historischen Wurzeln. Insofern hat die Entdeckung und Identifizierung Edithas eine entsprechende Begeisterung bei der Magdeburger Bevölkerung ausgelöst.

Die anthropologisch-naturwissenschaftliche Untersuchung hat nun die Identifizierung Edithas bewiesen, aber die Archäologie konnte bereits im letzten Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zuschreibung des Bleisarges und der sterblichen Überreste zu der englischen Adeligen vornehmen. Welche Indizien sprachen aus archäologischer Sicht dafür? Auf welche Funde und Befunde konnten sich die Ausgräber stützen?

Zuallererst war die Lage des Bleisarges entscheidend. Er fand sich in dem vermeintlichen Kenotaph Edithas. Die Aufschrift besagte, dass im Bleisarkophag zweifach umgebettet die sterblichen Überreste der Königin Editha liegen würden. Unter dem Kenotaph und Bleisarg befand sich ein weiterer Steinsarg, sekundär als Fundament vermauert, sowie darauf anpassende Abschrankungen, die von einer Memoria in Bezug auf Editha zeugten. Aus archäologischer und historischer Sicht kamen vier bis fünf Umbettungen zu verschiedenen Zeiten infrage. Zu diesen Umbettungen passten auf das Beste die verschiedenen, zum Teil äußerst kostbaren Seidenstoffe, die wir in dem Bleisarkophag fanden. Die letztendliche Sicherheit, dass es sich um Editha handelt, erhielten wir jedoch durch die Anthropologie und Strontiumisotopie.

 

Bleisarkophag Edith

Recht unscheinbar wirkt der kleine Bleisarg, der im November 2008 im Magdeburger Dom zutage kam - doch zurecht stand er im Mittelpunkt der großen Landesausstellung "Aufbruch in die Gotik": Anthropologisch-naturwissenschaftliche Untersuchungen haben nun bestätigt, dass sich in ihm die Gebeine Edithas/Edgiths, der Gemahlin Ottos des Großen befanden (Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen Anhalt, Juraj Lipták).

 

Neben Archäologie und Anthropologie spielt natürlich auch die Mittelaltergeschichte eine große Rolle bei der Erforschung der Funde aus dem Magdeburger Dom. Was wissen wir aus historischen Quellen über das Leben Edithas, und wie decken sich diese Überlieferungen nun mit den neuen Ergebnissen?

Die historischen Quellen berichten uns, dass es sich bei Editha um eines von mehreren Kindern Edwards des Älteren handelte, einem König des alten Adelsgeschlechtes aus Wessex, der als erster England einigte. Sie wurde zusammen mit ihrer Schwester nach Magdeburg gesandt, wo Otto in die arrangierte Heirat einwilligte, und sich in der Folge tatsächlich in Editha verliebte. Als sie 946 mit etwa Mitte 30 starb, war er untröstlich in Trauer und wollte anschließend bei ihr bestattet werden.

Editha selbst scheint ein außergewöhnlicher Mensch gewesen zu sein, der ob seiner Großherzigkeit vom Volk geliebt wurde. Die englische Presse titelte, es hätte sich um die Lady Di der damaligen Zeit gehandelt, was nicht unrichtig ist, da Editha wie Lady Di aus ältestem Adel stammte und eine relativ neue sächsische Dynastie legitimieren sollte.

Die historischen Überlieferungen decken sich in selten perfekter Weise mit den wissenschaftlichen Ergebnissen. Die Gebeine Edithas weisen auf eine ca. 35 bis 40 Jahre alte Frau mit Reiterfacetten an den Oberschenkelknochen, die zeigen, dass sie, typisch für Adlige, häufig auf dem Pferd saß. Die Isotopen zeigen uns, dass sie hochwertige Nahrung zu sich nahm und vor allem, dass sie die ersten Jahre wohl reisend in Südengland verbrachte, dass sie dort aber ab dem Alter von ca. neun Jahren stabil an einem Ort lebte. Das entspricht den Lebensdaten: Zuerst dürfte sie mit ihrer Mutter ihren Vater in einer Art Reisekönigtum des 10. Jhs. begleitet haben. Nach der Scheidung der Mutter, die etwa im Alter von neun bis zehn Jahren erfolgte, lebte sie für längere Zeit in einem südenglischen Kloster.

Dass Archäologie, Anthropologie und Geschichte zum selben Ergebnis kommen, ist selten – dass die eindeutige Identifizierung einer historischen Persönlichkeit des frühen Mittelalters gelingt, ist nahezu einzigartig. In welchem Rahmen werden die Forschungsergebnisse in Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich sein, welche Präsentationen planen Sie für die Zukunft?

Die Forschungsergebnisse wurden vor Kurzem in jeweils einer Pressekonferenz in Magdeburg und Südengland präsentiert. Besonders die englische Resonanz war überwältigend. Ein zusammenfassender Forschungsbericht erscheint monographisch im nächsten Jahr. Wir bemühen uns momentan, in Magdeburg, direkt gegenüber des Domes, ein Gebäude zu sanieren, in dem der Bleisarkophag aber auch zahlreiche andere Funde aus den Domgrabungen mit den entsprechenden Hintergrundinformationen dauerhaft zu sehen sein werden.

Vielen Dank!

 

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