
In jedem halbwegs gut sortierten Buchhandel kann man heute – gleich neben den Reiseführern – unzählige Bücher über das Pilgern finden: mein Himmlisches Jerusalem, mein Jakobsweg, meine ureigenste Sinnsuche. Zu Fuß, zu Fahrrad, mit Esel oder Kinderwagen, notfalls auch mit dem Flugzeug. Die Flut ist so groß, dass manch einem fast die Lust vergeht, sich selbst auf den Weg zu machen. Pilgern als in Mode gekommenes Massenphänomen – ein Zeichen der Moderne?
Nicht wirklich. Menschen aller Zeiten, Religionen und Kulturen sind zu Pilgern geworden, haben unerkannte Gefahren für Leib und Leben, logistische Schwierigkeiten und Wetterunbillen auf sich genommen, um ihr wie auch immer geartetes Sehnsuchtsziel zu erreichen. Das konnte ein mehr oder weniger weit entferntes Heiligtum sein, die Reliquie des Schutzheiligen, ein bestimmtes Kirchenfest wie das Heilige Jahr, zu dem Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen wollten. Ob im antiken Griechenland oder Rom, im vermeintlich „finsteren“ Mittelalter oder der Neuen Welt – Pilgern ist nicht an einen Ort oder eine Zeit gebunden.
Zu Fuß sind die allermeisten von ihnen gereist, auch zu Pferd, Fuhrwerk oder Schiff, heute dann mit dem Fahrrad oder Reisebus. Das Erlebnis als solches zählt, nicht die Art und Weise, wie man den Weg zurücklegt, jegliche Wertung verbietet sich. Überhaupt – der Weg. Der Weg ist das Ziel, heißt es in einem bekannten Sprichwort. Was bedeutet das? Dass alles, was man unterwegs erlebt, was einem widerfährt oder man in seinem tiefsten Inneren findet, wichtiger ist als die Andacht am Zielpunkt? Die Meditation unterwegs wiegt das Gebet am Ende auf? So einfach ist das sicher nicht – alles ist eins und die gesamte Erfahrung darf nicht in Einzelschachteln zersplittert einsortiert werden. Eines aber ist sicher: Eine Pilgerfahrt verändert den Menschen, jede und jeden auf persönliche Weise.
Wichtiger sind vielleicht die Motive: Warum machen wir uns auf den Weg? Auf der Suche nach einer Auszeit oder uns selbst? Aus Buße für eine Untat, mit dem Wunsch nach Katharsis? Oder vielleicht nur, weil scheinbar „alle“ es tun? Der pilgernde Nachbar als Grund für den eigenen Aufbruch war schon im Mittelalter Motivation genug – Pilgern war Mode, damals wie heute. Und doch scheint die Konstruktion des Pilgerns ein inneres Bedürfnis der Menschen anzusprechen, ihnen etwas zu geben dafür, dass sie sich auf den Weg machen. Denn – ist nicht unser ganzes Leben eine Pilgerfahrt, nicht unbedingt von einem Ort zum anderen, doch von einer Bewusstseinsebene zur nächsten?
- aro 03/2010 -
"Stärker als Männer und tapferer als Männer" mussten Frauen sein, die sich allein auf den weiten Weg einer Pilgerreise machten. Dass sich manche dann am Ziel ihrer Pilgerreise niederließen, um dort fern der heimat ein neues Leben zu beginnen, ist sicherlich häufiger geschehen. Margret von Beverly kehrt in unserem Roman an ihren Geburtsort -Jerusalem - zurück und lernt dort nicht nur die Frau im grünen Mantel kennen...