
"Orvieto" - Das erst in diesem Frühjahr von Stephan Steingräber und Giuseppe M. Della Fina vorgelegte Werk über eine der bedeutendsten etruskischen Städte verführt geradezu zu einem Besuch in Italien. Frank Stefan Becker, Autor des Romans "Sie kamen bis Konstantinopel", hat genau dies getan - mit dem Buch im Gepäck die Stadt erkundet und bleibende Eindrücke gesammelt.
Einem urtümlichen Schiff gleich ragt die Stadt über den Morgendunst. Braune Tuffsteinfelsen bilden die Bordwand, mittelalterliche Türme die Masten, über dem Deck aus Ziegeldächern leuchtet die Domfassade wie ein buntes Segel. Orvieto, Urbs Vetus, alte Stadt – ein Name wie aus der Morgendämmerung der Zeiten, doch in Wirklichkeit erst seit dem Abend der Antike bezeugt. In einer Zeit des Zusammenbruches des Römischen Reiches, der Angst vor immer neuen Wogen barbarischer Invasionen wurde der uralte Siedlungsplatz zur Arche städtischen Überlebens. Auf diesen wasserlosen Festungsfelsen flüchtete sich die Bevölkerung aus den einst blühenden Siedlungen des Tieflandes. So kehrten aus Volsinii Nova, dem heutigen Bolsena, die fernen Nachfahren derjenigen zurück, die sieben Jahrhunderte zuvor den umgekehrten Weg gezogen waren. Auch damals nicht freiwillig, sondern auf Befehl der Römer, die eine um ihre Privilegien bangende Oberschicht zur Hilfe gerufen hatte. Die aufstrebende Regionalmacht löste den Streit auf ebenso brutale wie wirksame Weise: Zerstörung der Rivalin, Verschleppung der Götter samt einer Beute von 2000 Bronzestatuen nach Rom und Umsiedlung der Bevölkerung an einen leichter zu kontrollierenden Siedlungsplatz am Ufer des Bolsenasees. Die Katastrophe des Jahres 264 v. Chr. markierte das Ende einer Etruskermetropole, bei der viele Forscher heute das „Fanum Voltumnae“, das zentrale Heiligtum des etruskischen Städtebundes, vermuten. Ausgrabungen, die in den letzten Jahrzehnten im südlich des Stadtfelsen gelegenen Areal „Campo della Fiera“ durchgeführt wurden, ergaben auf jeden Fall eine bedeutende, von einer Mauer umgebene Anlage sowie zahlreiche Keramik- und Architekturfragmente aus der Zeit ab dem 6. Jh. v. Chr. Auch die nordwestlich des Stadtfelsens ausgegrabene „Crocifisso del Tufo“-Nekropole mit ihren in Reih und Glied angeordneten, rechteckigen Grabbauten lässt auf eine einst blühende Ansiedlung schließen.
Bei dieser ersten bedeutenden Epoche Orvietos, der Etruskerzeit, setzt das von Stephan Steingräber und Giuseppe M. Della Fina herausgegebene Buch „Orvieto“ einen Schwerpunkt. Einprägsame und ästhetisch ansprechende Bilder werden von Texten illustriert, die den aktuellen Stand der Forschung widerspiegeln und auf ungesicherte Spekulationen verzichten.
Ein marmorner Altar zu Ehren der Heiligen Hostie
Doch die Mehrheit der zahllosen Touristen, die jährlich den Tuffsteinfelsen erklimmen – meist mithilfe der bequemen Rolltreppe – dürfte wohl weniger wegen der in den drei Museen präsentierten Etruskerfunde kommen. Sie durchstreifen die engen Gassen der Stadt auf den Spuren einer mittelalterlichen Glanzzeit, die im 13. Jh. n. Chr. schlagartig einsetzte. Leider war dem kühnen Aquädukt, das zeitweilig den chronischen Wassermangel auf dem Felsen behob, keine Dauer beschieden. Doch immerhin sind heute noch so eindrucksvolle Zeugnisse wie der Palazzo del Popolo oder der Palazzo Communale mit seinem vieleckigen, von drei Reihen Doppelfenstern gezierten Turm zu besichtigen. Eine originelle Bauform, die sich auch in der südlich der Stadt gelegenen Abtei Santissimi Severo e Martirio, heute ein Luxushotel, findet.
Und dann, nachdem man den Versuchungen zahlloser Keramikläden und Trattorien widerstanden hat, steht man endlich auf einem unerwartet weiten Platz vor dem Dom mit seiner Fassade von geradezu unnatürlicher Perfektion. Was in Perugia und vielen anderen italienischen Städten mangels Kontinuität der Mittel oft in den Anfängen stecken blieb – die Errichtung einer marmorverzierten Schaufront – verwirklichte das kleine Orvieto im Laufe dreier Jahrhunderte mit Klugheit und Zähigkeit. Das Ergebnis präsentiert sich als ein gigantischer gotischer Altar, der mit seinen Marmorreliefs und Mosaiken eher wie das Ergebnis einer historisierenden Rekonstruktion des 19. Jhs. anmutet und der zu Ehren einer besonderen Reliquie errichtet wurde: der heiligen Hostie, aus der 1263, wie die Überlieferung berichtet, in Bolsena wirkliches Blut tropfte und so einen zweifelnden deutschen Priester überzeugte – entscheidender Auslöser für die Einführung von Fronleichnam als katholischer Feiertag.
In Steingräbers und Della Finas Buch „Orvieto“ ist dem Dom ein sehr ausführlicher, reich illustrierter Artikel gewidmet und auch jenes Fresko abgebildet, das den staunenden Priester mit der blutenden Hostie in der Hand zeigt – weit besser, als man es in der Seitenkapelle des Domes erkennen könnte. Dies gilt auch für die reiche Freskenausstattung des Chors, sodass man mit dem Buch in der Hand den Dom durchwandern kann. Noch besser eignet es sich allerdings ob seines Formats für eine intensive Vorbereitung des Orvieto-Besuches oder, wie jetzt bei mir, für ein nachträgliches Auffrischen schöner Erinnerungen an diese faszinierende Stadt.
Womit ich das Buch nochmals aufschlage und mir dabei ein Glas Rotwein gönne…
- Frank Stefan Becker -