
Die heißen Temperaturen brechen nicht ab, die Sommerferien sind eingeläutet, die Urlaubszeit beginnt. Reisen Sie mit Gerhard Binder auf der Via Flaminia, einer Römerstraße zwischen Rom und Adriaküste, die schon vor über 2 000 Jahren zu den wichtigsten Verkehrswegen Italiens zählte – ein Ausflug in die Geschichte wartet auf Sie!
"Niemals verziehen sich die Staubwolken auf der Via Flaminia", so schrieb der Dichter Claudius Claudianus im 5. Jh. n. Chr. über die römische Staatsstraße, die Rom über eine Entfernung von 300 km mit Rimini an der Adria verband (s. AW 2/2009, S. 71-77). Gut 300 Jahre früher dienten dem Dichter Martial Lärm und Holprigkeiten der Flaminia als Bilder für Epigramme. Im Jahr 43 v. Chr. hielt Cicero eine Rede gegen Marcus Antonius, in der er es mit Rücksicht auf die eigene Sicherheit ablehnte, als Beauftragter des Senats zwischen Antonius und dem in Mutina (heute: Modena) von diesem belagerten Caesarmörder Brutus zu vermitteln (Philippicae orationes 12,22f., stark gekürzt):
„Drei Straßen führen nach Mutina: auf der Adria-Seite die Via Flaminia, am Tyrrhenischen Meer die Aurelia, zwischen beiden die Cassia. Die Cassia durchquert Etrurien [aber dort treibt der Caesarianer Pansa sein Unwesen.]. Ich könnte die Cassia meiden und die Flaminia benutzen [wo sich jedoch der Antoniusanhänger Ventidius herumtreibt]. Kann ich dann ungefährdet nach Rimini gelangen? Bleibt die Aurelia ... [wo Ciceros Intimfeind Clodius seine Besitzungen hat].“
Es hat Cicero nicht gerettet, die diplomatische Reise auf einer der drei großen, von Rom nach Norditalien führenden Straßen nicht unternommen zu haben: Er wurde am 7. Dezember 43 v. Chr. von Leuten des Antonius gräßlich ermordet – auf einem Waldweg südlich von Rom, unweit der Via Appia. Die bekannte Via Appia wurde schon 312 v. Chr. unter Einbeziehung älterer, regionaler Straßen, ebenso im Jahr 241 v. Chr. die Aurelia und 220 v. Chr. die Flaminia zur Staatsstraße, via publica, ausgebaut. Mit letzterer stellte der volksnahe Politiker Gaius Flaminius die dringend benötigte Verkehrsverbindung zwischen Rom und dem einige Jahrzehnte vorher unter römische Herrschaft gelangten Küstengebiet nördlich von Ancona her. Als Konsul ging Flaminius mit seinen Legionen im Juni 217 v. Chr. am Trasimenischen See gegen Hannibal in einer der verlustreichsten Niederlagen Roms unter (s. AW 5/2009, S. 67f.).

Verlauf der Via Flaminia (Quelle: wikimedia/AlMare).
Die bis ins 19. Jahrhundert benutzte Via Flaminia hat in zwei Jahrtausenden vielerlei Reisende erlebt: Kaiserliche Staatskuriere; Touristen aus den nördlichen Provinzen des römischen Reiches auf dem Weg in italische Heilbäder; seit dem frühen Mittelalter Pilgerströme aus dem Norden; sengende und mordende Landsknechtshaufen am Anfang der Neuzeit; Diplomaten, Bischöfe, Dichter, Maler, Gelehrte von Montaigne bis Goethe; v.a. aber auch Militär und immer wieder Militär. Die verstreuten literarischen Nachrichten aus dem römischen Altertum und die vielen an der Via Flaminia gefundenen Inschriften bieten anregende Lektüre; mehr noch die bis ins 19. Jahrhundert reichenden Reiseberichte. Auch die verbliebenen Reste der Straße selbst könnten – zumal in ihrer landschaftlichen Umgebung – zu einer Erkundung anregen.
Interessanter sind die zahlreichen antiken und mittelalterlichen Spuren, die sich auf die Via Flaminia beziehen lassen: Ruinen römischer Großbauten, heilige Bezirke, Grabmäler, Villen, Kirchen, ländliche Katakomben, Brücken, Säulen, Mosaike und anderes mehr. Oft gehen Denk- und Ausdrucksformen weit auseinander liegender Epochen eine harmonische, jedenfalls unbefangene und immer reizvolle Verbindung ein. Nicht überall sind allerdings Objekte in gleicher Dichte erhalten: Landschaftlich und kulturhistorisch lohnen sich besonders Fahrten durch das nördliche Latium, entlang der zwei antiken Trassen im Kerngebiet Umbrien, vom Furlo-Pass zur Adria nach Fano und weiter nach Rimini. Einige Beispiele:
Von Rom aus gesehen liegt kurz hinter der Grenze nach Umbrien auf einer Höhe das Städtchen Otricoli am Platz einer alten umbrischen Festung. Von dort blickt man über das Tal nach Latium hinein auf den Monte Soratte, an dessen Fuß die Via Flaminia vorbeiführt: "Du siehst, wie tief in Schnee aufragt weißschimmernd der Soracte", beginnt ein berühmtes Lied des Horaz (1,9) auf dem Gipfel steht die frühmittelalterliche Kirche S. Silvestro, die an die Legende vom Taufschüler Konstantin und die gefälschte "Konstantinische Schenkung" erinnert, aber auch an Karlamann, den Onkel Karls des Großen, der sich 747 n. Chr. dorthin als Einsiedler zurückgezogen haben soll.

Auf dem Gipfel des Monte Soratte: Unterweltlicher Kult des Pater Sorranus und christliche Tradition der Spätantike harmonisch vereint (Foto: Gerhard Binder).
Unterhalb von Otricoli liegen die ausgedehnten Ruinen des spätrepublikanisch-kaiserzeitlichen Munizipiums Ocriculum, aus dessen Thermen das oktogonale, in der Sala Rotonda der Vatikanischen Museen ausgelegte Meeresmosaik stammt, wo aber auch der von Goethe in der Italienischen Reise (Rom 25. Dezembers 1786) so humorvoll beschriebene Zeus von Orticoli gefunden wurde. An der Kirche S. Maria Assunta und einigen Palazzi der Oberstadt läßt sich das Fortwirken der römischen Tradition in antiken Spolien und in der Nachahmung antiker Bau- und Schmuckelemente ablesen.

Narni, Ponte die Augusto (27 v. Chr.): Südlicher Pfeiler nach der Restaurierung (Foto: Gerhard Binder).
Hinter Narni führte eine westliche Trasse der Via Flaminia über den Ponte di Augusto, durchquerte das ebenfalls augusteische Carsulae, später "die nebelreiche Mevania" (Properz), um sich bei Forum Flamini nördlich von Foligno mit der Oststraße wieder zu vereinigen. Letztere führte über Terni nach Spoleto, wo das mit der romanischen Kirche S. Agata und einem Renaissance-Kreuzgang (heute Archäologisches Museum) verbundene römische Theater Beispiel für die genannte Verbindung verschiedener Epochen ist.
Spoleto, Römisches Theater (1. Jh. n. Chr.): Bühnenzone und Ränge; links Teile des Renaisance-Kreuzganges (Foto: Gerhard Binder).
Nördlich von Spoleto berührte die Via Flaminia in späterer Zeit das Heiligtum des Clitumnus, von dessen Quellen einst die weißen Opferstiere für Triumphe nach Rom geholt wurden. Wenig weiter liegt untrhalb von Pissignano, wo sich der gerade gekrönte Kaier Barbarossa 1155 n. Chr. nach der der Zerstörung Spoletos aufhielt, der langobardische Tempietto del Clitunno aus dem 8. Jh. n. Chr., an dem sich antike Formensprache und christliche Inhalte vereinen.
–Prof. Dr. Gerhard Binder–