Verlag Philipp von Zabern


Virtuelle Archäologie 3.0

NESPOS

Tuts Vorkammer
Zukünftig liegt der Fokus von NESPOS bei der Datenaufnahme von Kleinkunst des Jungpaläolithikums. Auf dem Bild wird gerade eine gravierte Sandsteinplakette der Höhle Enlène (Frankreich) gescannt (Foto: Andreas Pastoors/Stiftung Neanderthal Museum, Mettmann).

Digitale Daten sind ein zentrales Thema der Archäologie im 21. Jahrhundert. Mit den fortschreitenden technischen Möglichkeiten zur Digitalisierung archäologischer Schlüsselobjekte, rückt auch deren Speicherung und Verfügbarkeit in den Fokus der Forschung. Die Online-Datenbank NESPOS bietet Archäologen und Anthropologen die einzigartige Möglichkeit ihre Forschungsergebnisse im Netz mit Kollegen zu teilen, wichtige Objekte zu archivieren und aktuell mehr als 16.000 Seiten mit Kerndaten zu Fundplätzen und Fundstücken für die eigene Arbeit zu nutzen. Durch ständige Updates ist aus der Datenbank inzwischen eine interaktive Website geworden, die nicht nur für Fachkollegen von großem Wert ist.

NESPOS widmet sich schwerpunktmäßig dem Paläolithikum - der Altsteinzeit. Je weiter wir in der Zeit zurück schreiten, umso fragmentarischer werden die Hinterlassenschaften und Überreste, aus denen Archäologen und Anthropologen Aussagen über die Lebensweise früher Menschen rekonstruieren können. Präzise Methoden, die alle Untersuchungsmöglichkeiten ausschöpfen, sind daher gerade für Prähistoriker und Paläoanthropologen unerlässlich, um ihren Fundstücken Informationen zu entlocken. Folgerichtig hat sich vor allem in der Paläoanthropologie in den letzten Jahren ein weites Forschungsfeld gebildet, das neuste Computertechniken anwendet, um etwa aus wenigen Knochenstücken die Rekonstruktion eines Schädels virtuell zu ermöglichen. In der virtuellen Anthropologie, wie sich diese Teildisziplin nennt, arbeiten Forscher ausschließlich mit digitalisierten Fundstücken, um diese mit hochspezialisierten Computerprogrammen am Bildschirm untersuchen zu können. Die Digitalisierung der Objekte erfolgt dabei durch einen CT- oder Oberflächenscanner, aus dem ein 3D-Modell errechnet wird.

Museumsfest_Neanderthal 

Die Idee, für diese Daten ein Archiv zu schaffen, das gleichzeitig auch als Plattform für den Austausch von 3D-Objekten dienen kann, wurde 2004-2005 im Rahmen des EU-Projektes "The Neanderthal Tools" umgesetzt und führte 2005 zur Gründung der NESPOS Society e.V. Zusammen mit dem Royal Belgian Institute of Natural Sciences, dem Croatian National History Museum, der Universität von Poitiers und drei technischen Partnern, initiierte das Neanderthal Museum eine über das Internet zugängliche Datenbank. In NESPOS können Mitglieder ihre Forschungsergebnisse und digitalen Daten einstellen und wahlweise mit allen Mitgliedern oder einzelnen Kollegen teilen oder auch nur für sich selbst in einem privaten Bereich ablegen. Die zentrale Speicherung der digitalen Versionen wichtiger Fundstücke soll so aus vielen Orten auf der ganzen Welt einen für alle zugänglichen Ort schaffen, an dem der schnelle Zugriff auf eine maximale Stichprobengröße weit verstreuter Objekte möglich ist.

Nicht zuletzt schont die Arbeit mit digitalisierten Objekten die Originale und leistet so einen entscheidenden Beitrag zu deren Erhaltung. Ein speziell für NESPOS entwickeltes Software-Paket ermöglicht auch Studenten und Doktoranden die Arbeit mit digitalen 3D-Objekten, ohne das kostspielige kommerzielle Lizenzen erworben werden müssen. Seit der Gründung der NESPOS Society e.V. wird das Projekt am Neanderthal Museum mit Unterstützung der Neanderthaler-Gesellschaft e.V. weitergeführt und ständig ausgebaut. Die Datenbank enthält heute über 130 Fundstellen mit wichtigen Informationen zur Stratigraphie, Forschungsgeschichte und Datierung der einzelnen Fundstellen; zu Objekten, Personen und Literaturzitaten. Desweiteren werden CT-Scans, Oberflächenscans, Fotografien und Röntgenbilder archiviert. Das europäische Marie Curie-Trainingsnetzwerk "European Virtual Anthropology Network" nutzte NESPOS von 2006 bis 2010 als digitales Archiv und Arbeitsplattform; die  EVAN Society e.V. als Nachfolgeorganisation des Projektes wird NESPOS auch zukünftig nutzen. Seit 2009 arbeitet der Sonderforschungsbereich 806  "Our Way to Europe" an den Universitäten zu Köln und Aachen mit NESPOS. "Our Way to Europe" trägt dabei Daten über die Besiedlung Europas in NESPOS zusammen. Zahlreiche Doktoranden und Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs nutzen NESPOS als Datenbank, Organisationsinstrument und Kommunikationsplattform. 

Der thematische Schwerpunkt von NESPOS wurde seit seinen Anfängen beträchtlich erweitert und ist heute nicht mehr auf Humanfossilien des Neanderthalers beschränkt. Aus dem Untertitel "Neanderthal Studies Professional Online Service" wurde "Pleistocene People and Places". Das Pleistozän umfasst die Zeitspanne von vor etwa 2,6 Millionen Jahren bis ca. 10.000 Jahre vor heute. Neben Daten zu frühen Hominiden und anatomisch modernen Menschen bilden archäologische Schlüsselobjekte einen neuen Kernbereich von NESPOS. Oberflächenscans sind herkömmlichen technischen Zeichnungen archäologischer Objekte sowohl hinsichtlich der Präzision als auch des Zeitaufwandes deutlich überlegen. Der individuell interpretatorische Spielraum bei der Erfassung der 3D-Daten und der Erstellung der 3D-Modelle ist deutlich geringer als bei der Dokumentation durch Zeichnung.

Im Rahmen eines von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projektes wurden von 2008 bis 2010 neben Humanfossilien auch wichtige archäologische Schlüsselobjekte des späten Mittelpaläolithikums der Iberischen Halbinsel digital erfasst und der Öffentlichkeit über NESPOS zur Verfügung gestellt. Kleinkunst des Jungpaläolithikums ist eine weitere wichtige Fundgattung für NESPOS und steht daher zurzeit im Fokus der Datenaufnahme. Mit Hilfe eines hochauflösenden Streifenlichtscanners werden Tests an den Materialien Stein, Knochen und Geweih von verschiedenen europäischen Fundplätzen durchgeführt. Dabei zeigt sich die Qualität der digitalen Scans. Selbst feinste Gravierungen sind sichtbar und erlauben das uneingeschränkte Arbeiten mit den digitalen Modellen.

NESPOS enthält neben den bereits aufgeführten Funktionen Google Maps Karten zu allen Fundstellen, eine Vernetzung mit Wikipedia, ein RSS Feed und umfangreiche Bildergalerien. Eine stärkere Personalisierung, ähnlich dem bekannten Foren Xing oder Facebook, ermöglicht nun auch einen einfacheren wissenschaftlichen Austausch.

 

 - Bradtmöller, Marcel; Graefe, Jan; Pastoors, Andreas;

Slizewski, Astrid; Weniger, Gerd-C.

Stiftung Neanderthal Museum, Talstraße 300, D-40822 Mettmann -

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