Verlag Philipp von Zabern


Kaiser - Künstler - Antichrist

NERO

Tuts Vorkammer
Hl. Paulus und Hl. Petrus im Disput mit dem Magier Simon vor Nero. Szene aus dem Freskenzyklus in der Brancacci-Kapelle, Florenz (Foto: Wikimedia).

Unauslöschlich haben sich einige bildmächtige Szenen der Filmgeschichte in unser Gedächtnis eingebrannt: Das dramatische Wagenrennen in „Ben Hur“, der leidenschaftliche Kuß aus „Vom Winde verweht“, Anita Ekbergs Bad im Trevibrunnen – und die larmoyant – dekadente Darstellung Neros durch Peter Ustinov in „Quo vadis“.

Aber nicht nur der Filmenthusiast wird von der schauspielerischen Leistung des britischen Mimen in den Bann gezogen, sondern auch der sonst so nüchterne Historiker.

Noch mehr reizt ihn freilich die geschichtliche Wahrheit um Leben und Wirken eines der berühmtesten Herrscher des römischen Weltreiches: Die Spannung zwischen der kaiserlichen Würde und dem Selbstverständnis als Künstler und Wagenlenker, zwischen der unzweifelhaften Tatkraft (etwa beim Wiederaufbau von Rom nach dem verheerenden Brand der Stadt) und dem kläglichen Versagen angesichts der Bedrohung durch den Aufstand der Grenzlegionen, zwischen dem skrupellosen Muttermörder und dem zärtlichen Familienvater.

Ebenso beschäftigen ihn die zahlreichen legendenhaften Entstellungen im Bild des Kaisers, die in der unausrottbaren Vorstellung gipfeln, Nero habe selbst Rom in Brand gesteckt und den Untergang der Stadt besungen: Sein angeblich so grausames und blutdürstiges Wesen – das sich bald als maßlose Übertreibung erweist; die Diskrepanz zwischen dem „edlen Lehrer“ Seneca (der sich bei näherer Betrachtung als geldgieriger und charakterloser Opportunist entpuppt!) und dem „entarteten Schüler“, der seinen einstigen Mentor gnadenlos zum Tode verurteilt.

Eine weitere Herausforderung für den Historiker bedeutet der Wandel des Nero-Bildes im Lauf der Jahrhunderte: Ursprünglich einmütig als „Bestie“ und „Antichrist“ verdammt, wurde der kaiserliche Künstler in den letzten Jahren zunehmend „reingewaschen“, ja geradezu hymnisch gefeiert; jede (Un-)Tat wird nun gebilligt, jeglicher Überspanntheit eines unreifen Jünglings auf dem Thron ein „geniales politisches Wollen“ unterstellt. Umso reizvoller wird dadurch freilich der Versuch, zwischen diesen unvereinbaren Standpunkten einen eigenen Weg zur Deutung Neros zu finden, der die Ereignisse und Charaktere der handelnden Personen behutsam wertet.

978-3-8053-4244-5

Zudem will das vorliegende Buch das Leben des Kaisers bildhaft werden lassen – nicht nur in den zeitgenössischen Münzen, Statuen und Monumenten, sondern auch durch Kunstwerke aus späteren Jahrhunderten. In den Miniaturen mittelalterlicher Chroniken und den Gemälden von Barock und Historismus spiegelt sich die Faszination eines Mannes, der stets als Inbegriff des Bösen galt – und gerade dadurch immer wieder die Phantasie von Künstler und Betrachter entfachte.

Außerdem hat das Thema erst kürzlich unerwartete Aktualität gewonnen, als ein prominenter (aber offenbar von historischer Bildung wenig berührter) Minister seine politischen Auffassungen mit dem Hinweis auf „spätrömische Dekadenz“ zu untermauern suchte. Dabei dachte er zweifellos an die Orgien eines Caligula oder Nero – aber diese Herrscher sind keineswegs der Spätantike zuzuordnen! Vielmehr war damals der Höhepunkt der römischen Geschichte noch nicht erreicht – die Blüte des Reiches unter den Adoptivkaisern (und sein Ende – vierhundert Jahre später! – lag jenseits aller Vorstellung). Dennoch findet sich noch immer die ungeschichtliche Anschauung, das Imperium sei an den Ausschweifungen Neros zugrunde gegangen (dann könnte man übrigens auch die Skandale der Borgia-Päpste für heutige Probleme verantwortlich machen). Es ist auch ein Ziel dieser neuen Biographie des kaiserlichen Künstlers, uralte (un)historische Vor- und Fehlurteile zu bekämpfen – und vielleicht zu überwinden!

- Stephan Elbern -