Verlag Philipp von Zabern


Gesichtsrekonstruktion erweckt eine antike Griechin zum Leben

Mein Name ist (nicht) Myrtis – „a Millennium Friend“

Tuts Vorkammer
Myrtis, wie sie die Archäologen mangels eines überlieferten Namens nannten, wurde nicht die Ehre einer solchen Grabstele zuteil. Sie starb um 430 v. Chr. an Typhus und wurde zusammen mit anderen Athener Seuchenopfern in einem Massengrab beigesetzt. Der Athener Kerameikos, das antike Töpferviertel, wurde nicht nur ihnen zur letzten Ruhestätte. Das Gebiet gilt als der bedeutende Friedhof des antiken Athens und wird seit 1913 durch das Deutsche Archäologische Institut erforscht (Foto: Wikimedia Commons, Therese Clutario).

Aus Kriminalfilmen ist sie inzwischen fast jedem bekannt und auch an ägyptischen Mumien wird sie immer wieder angewendet: die digitale Gesichtsrekonstruktion. Mit ihrer Hilfe ist es nun britischen und griechischen Archäologen gelungen, "Myrtis", ein Athener Mädchen aus dem 5. Jh. v. Chr. wieder ein Antlitz zu geben.

Mit einer Methode, mit der normalerweise an der Universität Manchester die Gesichter ägyptischer Mumien rekonstruiert werden, wurde nun auch in einem vier Jahre dauernden Arbeitsprozess der Schädel eines in klassisch-griechischer Zeit (um 430 v. Chr.) im Alter von 11 Jahren verstorbenen Mädchens physiognomisch rekonstruiert. „Myrtis“ wurde sie von den Projektleitern genannt, auch wenn natürlich niemand ihren wahren Namen mehr kennen kann. Denn „Myrtis“ wurde nicht in einem möglicherweise mit Grabstein versehenen Einzelgrab bestattet, sondern in einem Massengrab, das die Opfer einer großen Epidemie der Zeit um 430 v. Chr. aufnahm. Das Grab wurde 1995 beim U-Bahnbau in Athen nahe beim großen Gräberfeld des Kerameikos gefunden und enthielt insgesamt die Skelette von 150 Menschen, die wohl an einer Typhusepidemie verstorben waren. In der 2. Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. fielen – als Folge des Peloponnesischen Krieges – fast ein Drittel der athenischen Bevölkerung dieser oder ähnlicher Seuchen zum Opfer, darunter auch der berühmte Staatsmann Perikles. DNA-Analysen an den Zähnen der Opfer belegten das Typhus-Virus.

„Myrtis“ wurde ausgewählt, weil ihr Schädel außergewöhnlich gut erhalten war und sich altermäßig genau am Übergang von den Milchzähnen zum dauerhaften Gebiss befand, sodass beide Zahnarten enthalten waren. Ihr Äußeres, ihre Haar- und Augenfarbe sowie die Kleidung wurden durch die Archäologin Efi Baziotopoulou rekonstruiert, die auch den fiktiven Rufnamen vorschlug. Mittlerweile wurde die Büste zur Symbolfigur für verschiedene Forschungsvorhaben und quasi UNO-Botschafterin, die speziell für die Gesundheit von Kindern auf der Welt stehen soll. Nachdem das Abbild von „Myrtis“ fertiggestellt ist, wollen die Wissenschaftler auch noch das Abbild einer Frau und eines Mannes aus diesem Grab rekonstruieren.

Inzwischen wurde die fertiggestellte Büste zusammen mit weiteren Funden (Grabsteinen und Beigaben) aus dem Massengrab und dem Kerameikos im Athener Nationalmuseum anlässlich der Ausstellung „Von Angesicht zu Angesicht mit der Vergangenheit“ aufgestellt und erregt das Interesse zahlloser Besucher. Man blickt in das angeblich zu 95% authentische Gesicht eines jungen pausbäckigen, rotblonden Mädchens, das nicht unbedingt dem klassischen griechischen Schönheitsideal entspricht, so dass einige Besucher bereits vermerkten, sie sähe „gar nicht aus wie eine Griechin“ – wie sehr sind wir doch die Stereotypen gewöhnt, dass uns ein solches rekonstruiertes Abbild nur noch fremd vorkommt – und das liegt sicher nicht an den „nur“ 2500 Jahren, die in der Zwischenzeit seit dem Tod des Mädchens „Myrtis“ vergangen sind!

 

Das Video mit der Rekonstruktion des Gesichtes finden Sie unter: 

http://www.spiegel.de/video/video-1084036.html

 

Weitere Informationen und Bilder finden Sie außerdem unter: 

http://heritage-key.com/category/tags/manolis-papagrigorakis

http://www.archaeologydaily.com/news/201009145057/Scientists-give-a-face-to-ancient-Greek-girl.html

 

- ARo 09/2010 -