
Bei Ausgrabungen unter dem „portal peint“, dem Apostelportal der Kathedrale von Lausanne, fand sich Ende der 1970er Jahre ein interessanter Grabfund, der zu Unrecht der Aufmerksamkeit der Wissenschaft entgangen ist und ein seltenes Schlaglicht auf die Bestattungssitten der frühgotischen Zeit wirft.
Genau im Schnittpunkt des quadratischen, aus vier reich verzierten Säulen gebildeten Portals lag, achsial ausgerichtet, das Grab eines etwa 50-jährigen Mannes mit Kopf im Westen. Es war aus einer vergleichsweise schmalen, gemörtelten Steinsetzung gebildet und mit vermörtelten Steinen abgedeckt. Für den Kopf war eine halbrunde Aussparung in den Steinblock am Kopfende gearbeitet. Da das Grab genau auf den Bau hin orientiert ist, nimmt man an, dass das Grab noch vor Fertigstellung des frühgotischen Portals im 1. Drittel des 13. Jhs. angelegt wurde – der Mann wurde quasi auf der Baustelle beerdigt. Doch wem kam eine solche ungewöhnliche Ehre zu? Nur dem Baumeister selbst oder einem führenden Steinmetz, der vor Vollendung der Kathedrale vorzeitig verstarb.
Da hochmittelalterliche Gräber in der Regel beigabenlos sind, waren bei der Untersuchung des Grabinhalts keine weiteren Hinweise auf den Bestatteten zu erwarten. Und dennoch barg das Grab weitere Überraschungen. Zwar waren aufgrund der Bodenverhältnisse die Knochen in sehr schlechtem Zustand, ermöglichten aber doch eine genaue anthropologische Bestimmung. So konnte man aus den Knochenmaßen erschließen, dass der Bestattete mit über 1,70 m Körpergröße für seine Zeit außergewöhnlich groß war.
Im Gegensatz zum Körper waren andere organische Reste wie Textilien, Holz oder Pflanzen hervorragend erhalten. Die zwei verschiedenen nachweisbaren Textilarten stammen jedoch nicht von einem Gewand, sondern vom einfach gewebten Leichentuch und dessen Verschnürung durch Stoffgurte. Auf dieser Leichenhülle waren nun an mehreren Stellen Pflanzenreste nachweisbar. Man hatte dem Toten einzelne Stängel und ganze Pflanzenbüschel beigegeben. Neben als Unterlage eingestreutem Farnkraut auf einer Holzkonstruktion war es vor allem Wiesenkümmel (carum Carvi L.), der teils mit Dolden und Früchten bräunlich getrocknet zahlreich über dem toten Körper verteilt war.
Doch warum gerade Kümmel? Abgesehen von seiner seit dem Neolithikum geläufigen Verwendung in der Küche und als Heilpflanze, spielt er auch im noch aus heidnischer Zeit stammendem Volksglauben eine Rolle – Kümmel vertreibt Dämonen und andere böse Geister und schützt denjenigen, der ihn bei sich trägt, vor allem Übel und Hexerei. Er wird bei verschiedenen Übergangsphasen im Menschenleben eingesetzt, wie Geburt, Hochzeit oder eben dem Tod. Der christliche Ritus übernahm die entsprechende Bedeutung, indem es den Kümmel vor allem in Süddeutschland zum gelegentlichen Bestandteil geweihter Kräuterbuschen machte, einem Ritus, der bereits im 10. Jh. nachweisbar ist. Ob nun geweiht oder nicht, auf jeden Fall sollte der Wiesenkümmel den Toten vor allem weiteren Unheil beschützen. Auch an eine Parfümierung und Balsamierung des Leichnams und den Wunsch nach einer verzögerten Verwesung ist zu denken, die es ermöglicht hätte, am Tag des Jüngsten Gerichtes möglichst unversehrt wieder aufzuerstehen.
Quelle:
Pierre Crotti/Gervaise Pignat/Claire de Roguin/Werner Stöckli, Du cumin des prés dans une tombe médiévale (vers 1200). La sépulture S2 du portail peint de la cathedrale de Lausanne. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 39, 1982, 217–228.– aro – 08/09