
Über Jahrtausende erhalten und dennoch vergänglich – seit ihrer Entdeckung sind die prachtvollen Grabkammern Ägyptens dem steten Verfall ausgesetzt. Temperatur und Luftfeuchtigkeit verändern sich durch die Öffnung der Gräber und fügen den dortigen Malereien schwere Schäden zu. Aus diesem Grund werden mehr und mehr Anlagen für Touristen wieder geschlossen und können nur noch virtuell oder per Buch besucht werden. Der italienische Starfotograf Sandro Vannini hat gemeinsam mit Zahi Hawass, Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, die schönsten Gräber Thebens besucht und fotografisch dokumentiert. Von den Schwierigkeiten des Unternehmens und seiner Umsetzung sowie den Zielen für die Zukunft berichtet er:
Mehr als 800 Gräber gehören zu den Nekropolen Thebens, die sich über die Hänge des El Qurna erstrecken. Nur ein kleiner Teil der wunderbaren Malereien, welche die Grabkammern schmückten, haben die Zeiten und vor allem das zerstörerische Werk des Menschen überlebt. Derzeit sind etwa zehn dieser Gräber für die Öffentlichkeit zugänglich, alle anderen können nur zu Forschungszwecken besucht werden. Einige von ihnen sind bereits seit Jahren geschlossen, bedeckt von einer feinen Schicht Staub, die bei der kleinsten Bewegung aufgewirbelt wird.
Am Beginn meiner Arbeit stand eine Bestandsaufnahme aller Gräber, um den Stand der Konservierung und den generellen Zustand der Malereien zu begutachten. Zusammen mit meinen Kollegen habe ich im Anschluss daran mit den Aufnahmen begonnen. Acht Jahre Arbeit sind daraus geworden – mit zahlreichen technischen Schwierigkeiten, welche die Arbeit oft für Tage ruhen ließen. Hinzu kam die Lage der Gräber: Sie verteilen sich über ein weites Gebiet – ohne Straßen, so dass mehrere Zentner an Ausrüstung zu Fuß und auf den Schultern transportiert werden mussten. Die Grabkammern selbst sind unbeleuchtet und das verwendete Aufnahmesystem benötigt mindestens vier Kilowatt Strom – das bedeutete Generatoren, Kabel, Benzin. Dann der Staub, den ich bereits erwähnte, ein Alptraum für Computer, digitale Geräte und Beleuchtungssysteme. Und zudem die Hitze: bis zu 54 °C im Inneren der Grabkammern; unmögliche Temperaturen für Computer und digitale Geräte, die unter diesen Bedingungen ein Kühlungssystem benötigen, das wiederum den Staub nicht aufwirbeln durfte – keine Ventilatoren, keine Klimaanlagen.
Eine weitere große Schwierigkeit bereiteten uns die stets geringen Ausmaße der Grabkammern mit wenig Raum zum Arbeiten. Nur kleinste Bewegungen in einem heiklen Umfeld waren daher erlaubt, denn die Wände sind äußerst fragil. Im Grab Rekhmires (TT 100) befinden sich die Hauptgemälde auf einer dreieckigen Wand von 16 m Länge, 2 m Höhe an ihrem Anfang, 8 m an ihrem Ende. Das Problem dabei: Jene Wand ist Teil eines Korridors von gerade einmal 180 cm Breite. Ein Gerüst entlang der Wand, auf dem wir Lampen und Kamera befestigen konnten, brachte die Lösung. Mehr als eine Woche benötigte die Realisierung eines einzigen Bildes, aufgeteilt in ca. 200 Aufnahmen, mehr als einen Monat die Nachbearbeitung. Meine persönliche größte Sorge war es, die Wände unter keinen Umständen mit der Schulter zu berühren, während ich die Lampen auf dem Gerüst montierte. Bei 10 cm Abstand ein weiterer Albtraum.
Ein ägyptisches Puzzlespiel
Damit wären die Schwierigkeiten der Aufnahmen vor Ort aufgelistet, ein anderes Kapitel ist hingegen die Nachbearbeitung der Bilder, um jene Abbildungen anzufertigen, die in unserem Buch letztendlich gedruckt wurden. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um einen kleinen Teil jener Aufnahmen, die wir über die Jahre geschossen haben.
Seit Beginn dieses Projektes habe ich zusammen mit meinen Kollegen immer wieder neue Aufnahme- und Bildmontagetechniken ausprobiert, die bereits zu einer Serie von Aufnahmen königlicher Gräber aus Theben, jenen aus dem Tal der Könige, geführt haben. Das Hauptziel dieses Projektes war es, die Innenwände der Kammern in einem einzigen Bild zeigen zu können – nicht aufgeteilt auf mehrere Einzelbilder, wie es zuvor der Fall gewesen war. Obwohl die Resultate bereits zufriedenstellend waren, haben wir versucht, das System noch einmal zu verbessern – auch, weil es dieses Mal an die kleineren Maße der Adels- und Privatgräber angepasst werden musste. So entwickelten wir neue Schienensysteme, kleinere Lampen, weniger stark aber mit einer weiteren Streuung, sowie neue Techniken zur Bildmontage, die es uns erlaubten, die Farben, Perspektiven und Abweichungen der Objektive besser zu kontrollieren.
Die Nachbearbeitung hochaufgelöster Digitalbilder ist ein komplizierter Vorgang, für den ich auf ein Team herausragender Spezialisten zurückgreifen konnte, die diesen wichtigsten Schritt meiner Arbeit in meinem Studio in Italien begleiteten – ohne dieses Team, ohne die vielschichtige Gruppenarbeit, hätte das „progetto Egitto“, das „Projekt Ägypten“, niemals verwirklicht werden können. Die professionelle Fotografie auf diesem Niveau bedarf so vieler verschiedener Erfahrungen und Spezialisierungen sowie ausdauernder Arbeitszeit, dass sie unmöglich nur vom Fotografen selbst durchgeführt werden kann. Natürlich muss dieser Prozess weiterentwickelt werden, aber ich kann sagen, dass jene Version, die wir in den letzten Wochen angewandt haben und die eine hochaufgelöste 3D-Rekonstruktion der Grabkammern zum Ziel hat, alle Erfahrungen der letzten Jahren zu einem Ausblick in die Zukunft, zu neuen und wiederum unvorhersehbaren Techniken visueller Kommunikation vereinen wird.
- S. Vannini (Übersetzung aus dem Ital. SSch) -
Zahi Hawass, seit 2002 Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, hat nach „Bilder der Unsterblichkeit“ einen neuen Prachtband zu den Schätzen altägyptischer Grabmalerei herausgebracht. Im Interview spricht er über die Intentionen und Ziele dieses Projekts.
http://heritage-key.com/publication/lost-tombs-thebes-life-paradise/