
Die Forscher haben römische Spuren erwartet – die Nähe zum Kastell Saalburg und dem Limes ließ zunächst darauf schließen. Heraus aber kam eine archäologische Überraschung. Sie entdeckten drei Gebäude und einige Vorratsgruben aus der sog. Rössener Kultur (ca. 4500–4300 v. Chr.), einer Epoche der mittleren Jungsteinzeit. In Hessen ist ein solcher Fundplatz bisher einzigartig, denn erstmalig konnte damit eine Siedlung dieser Art auf dem flachen Land nachgewiesen werden, statt wie bisher nur in Höhenlagen.
Als das Gelände am Ortsrand von Bad Homburg im Jahr 2008 für einen Neubau des Krankenhauses erworben wurde, wurden vor Baubeginn Archäologen hinzugezogen, um den Grund auf historische Überreste zu untersuchen. Seit März diesen Jahres ist ein 17-köpfiges Grabungsteam damit beschäftigt, die Zeugnisse der jüngst entdeckten jungsteinzeitlichen Siedlung zu bergen und zu untersuchen.
Die Rössener Kultur ist nach dem Gräberfeld Rössen bei Leuna in Sachsen-Anhalt benannt. Erste Funde kamen dort im Jahr 1882 zu Tage. Die Kultur war in Süd- und Mitteldeutschland verbreitet, aber auch in der Nordschweiz und in Österreich. Charakteristisch ist die Dekoration ihrer Keramik mit Tupfen und Fischgrätmustern, die durch Inkrustation weiß hervorgehoben ist. Typisch sind auch die schiffsrumpfartigen Grundrisse der Langhäuser, welche bis zu 65 m lang sein können. Nachgewiesene Innenaufteilungen lassen darauf schließen, dass mehrere Gruppen in einem Gebäude wohnten oder manche Räume als Stall genutzt wurden.
In Bad Homburg konnten drei Langhäuser identifiziert werden, darunter eines mit den Maßen 41 x 8 m. Die Gebäude waren mit der Spitze nach Westen ausgerichtet, der Eingang lag im Osten. Die Häuser sind unterschiedlich gut erhalten und sind wahrscheinlich nicht zeitgleich entstanden. Eventuell wurden sie nacheinander genutzt. In der Nähe fanden sich einige bis zu 2 m tiefe Abfallgruben. Die Archäologen lesen aus den unscheinbar wirkenden grau-braunen Verfärbungen im ockerfarbenen Boden die möglichen Standorte der Holzpfähle heraus, die einst die Wände der Gebäude gebildet haben. Auch konnten die Hausgrundrisse mit Inneneinteilungen festgelegt werden, ebenso wie eine Einfriedung, die sich in nächster Umgebung der Langhäuser befand.
Mehrere Bodenproben wurden entnommen, sie sollen unter anderem in Oxford auf ihr Alter untersucht werden. Anhand der gefundenen Keramik lässt sich eine grobe Einteilung in die Mitte des 5. Jts. v. Chr. vornehmen. Über die Analyse der Phosphorwerte erhoffen sich die Archäologen Erkenntnisgewinne bzgl. der Raumaufteilung: Wurde ein Raum als Wohnraum oder als Stall genutzt? Wo befand sich die Feuerstelle? Zudem ermöglichen Untersuchungen von Getreideresten Rückschlüsse auf die Ernährung. Neben der Keramik mit den charakteristischen Verzierungen wurden eine Pfeilspitze, ein Schaber oder der Rest einer Axt aus Feuerstein sowie zwei Mahlsteine geborgen, wobei letztere nicht aus der Gegend stammen.
Von den geplanten vier Hektar des Baugrunds sind bisher drei Hektar untersucht worden. Der letzte Abschnitt soll ergraben werden, bevor Ende des Jahres der Startschuss für die Errichtung der Kliniken fällt. Möglicherweise kommen dabei weitere Funde zu Tage, die einen tieferen Einblick in die Geschichte des Siedlungsplatzes erlauben.
AW-Redaktion, nach FAZ
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