
Was gibt es schöneres, als im Frühjahr und Sommer einen blühenden Bauerngarten zu besuchen und zu erforschen, welche pflanzlichen Schätze sich dort finden lassen, die uns heutigen oft nicht einmal mehr vom Sehen bekannt sind? Kaum jemand weiß auch, dass eben diese alten Bauerngärten auf ein mittelalterliches Vorbild zurückgehen – den Klostergarten.
Betrachtet man den Plan des mittelalterlichen Klosters St. Gallen, so sind dort bestimmte Areale des Klosters dem Anbau von Gemüse, Obst und Kräutern vorbehalten. Selbst einen medizinischen Kräutergarten gab es, denn damals waren Ernährungs- und Heilwirkung der Pflanzen im Bewusstsein der Menschen noch viel enger verknüpft als heute. Bereits die Antike kannte und überlieferte Heilpflanzen, und dieses Wissen wurde im Mittelalter ausgebaut sowie schriftlich festgehalten. Da nicht alle Menschen das Aussehen dieser Pflanzen im Kopf haben konnten, gab es ab dem Spätmittelalter auch illustrierte Pflanzenbücher, welche die Charakteristiken einer jeden Art farbig abbildeten.
Bereits bald nach 800 n. Chr., der Zeit, als auch das Kloster St. Gallen mit seinem Garten entstand, ließ Karl der Große in seiner Landgüterverordnung (Capitulare de villis) all jene Pflanzen listenmäßig erfassen, welche die gut ausgestatteten Gärten der königlichen Domänen besitzen sollte. Angefangen mit der Lilie über die Katzenminze und den Rainfarn bis zur Saubohne und Pastinake werden über 80 Arten an Blumen, Obst, Gemüse und Heilkräutern genannt. Auch Überraschungen sind dabei, denn mit der Zuckermelone, Feige oder Schlafmohn hätte wohl niemand in unseren Breiten gerechnet.
Es lohnt sich auf jeden Fall, sich einmal auf Entdeckungsreise zu begeben und den Geheimnissen der mittelalterlichen Gartenkultur auf den Grund zu gehen. Dabei leistet ein schwergewichtiger und farbenprächtiger Band unverzichtbare Hilfe:
Hier werden neben der Geschichte der Nahrungs- und Heilpflanzen sowie der karolingischen Verordnungen und ihrem Weiterleben bis in heutige Zeit vor allem alle im Capitulare genannten Pflanzen im ausführlichen Porträt vorgestellt und ihre Verwendung damals und heute diskutiert. Zuletzt macht noch eine kleine Rezeptsammlung Lust darauf, sich auch einmal kulinarisch auf die Spuren des Mittelalters zu begeben!
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Auf Gut Melaten bei Aachen können Sie die Pflanzenwelt des Capitulare erforschen. Der Freundeskreis Botanischer Garten Aachen e.V. hat dort gemäß den Vorgaben Karls des Großen einen Nutzgarten angelegt.
Anfahrt mit dem Auto: Melaten liegt nahe der holländischen Grenze. Von der B1 (Vaalser Straße) im Süden bzw. von der A4 (Ausfahrt Aachen) oder der Roermonder Straße im Norden den Beschilderungen zu den RWTH-Instituten (Physik) folgen. Achtung: Den Pariser Ring frühzeitig verlassen, da es im Bereich des Guts Melaten keine Abfahrt gibt!