
Luftverschmutzung, Regen, steigende Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und nicht zuletzt Vibrationen, verursacht durch den Verkehr, müssen die steinernen Zeugen der Geschichte, wie etwa das Kolosseum in Rom, über sich ergehen lassen. Ganz zu schweigen von den Besucherströmen, welche die berühmten Bauten täglich durchwandern. Und dennoch sind wir überrascht, wenn über Jahrhunderte hinweg nicht ein Stein auf dem anderen bleibt.
Sie liegen nicht nur in Sichtweite zueinander, sondern sie sind in den letzten Tagen beide zu Leidtragenden von Umwelteinflüssen geworden: Die Domus Aurea und das Kolosseum in Rom. Ende März vernahmen wir von dem «goldenen Haus» Neros, dass rund 60 m2 eines antiken unterirdischen Gewölbes und die darüberliegende Rasenfläche herabbrachen. Der weitläufige Stadtpalast des Kaisers wurde um das Jahr 65 n. Chr. unter Nero errichtet und ist heute v.a. für seine gut erhaltene Freskendekoration berühmt. Laut Suetons Beschreibungen aus dem 1./2. Jh. n. Chr. war die Anlage so groß, „dass sie (...) einen künstlichen See umfasste, der fast ein Meer war, umgeben von Häusern, so groß wie Städte. Dazu kamen Villen mit Feldern, Weinbergen und Weiden (...). Einige Teile des Hauses waren vollständig vergoldet und mit Gemmen und Muscheln geschmückt. In den Speisesälen gab es bewegliche Decken aus Elfenbein, durch die Blumen herabgeworfen und Parfüm versprengt werden konnte.“ Dieser gigantische Baukomplex wurde bis zu seiner Zerstörung durch einen Brand im Jahr 104 n. Chr. bewohnt. Die Überreste wurden in die Fundamente der Trajans–Thermen, deren Bau noch im selben Jahr begonnen wurde, integriert und konnten sich bis heute erhalten. Das Deckenstück eines Ganges aus der Bauphase der Badeanlage, stürzte nun unter der Last regennasser Erdmassen ein, verschont blieben glücklicherweise die benachbarten «Grotten» mit den Mosaiken und Fresken aus neronischer Zeit.
Anfang Mai diesen Jahres war es dann das Kolosseum, das an ursprünglichem Bestand verlor: An einem Eingangsbogen des Amphitheaters fielen Putzplatten herab. Nach Meinung von Experten ist die Verwitterung, hauptsächlich bedingt durch die starke Luftverschmutzung, daran Schuld, dass der Kalkputz an dem im Jahre 80 n. Chr. fertig gestellten Bau, zu bröseln beginnt. Das Kolosseum sollte das erste Theater Roms sein, dessen Größe und Ausstattung der Hauptstadt würdig war und auf Ewig das größte Amphitheater der römischen Welt bleiben. Bis dato gab es in Rom noch keinen Ort, an dem Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und Seeschlachten in großem Rahmen ausgetragen werden konnten. Als Bauplatz diente das Areal der Domus Aurea, auf dem Nero den künstlichen See hatte anlegen lassen. Bewusst wurde dieser Standort vom dann amtierenden Kaiser Vespasian gewählt, um den Bürgern einen Teil ihrer Stadt wieder zurück zu geben, mit der Absicht seinen Beliebtheitsgrad zu steigern. Letztlich fertiggestellt wurde der vierstöckige Bau mit einem unterirdischen Gangsystem und einem Gesamtdurchmesser von etwa 1880 m unter Domitian (81–96 n. Chr.). Den eigentlichen Grund zur Sorge bietet nun die, unter dem Verputz frei gewordene Schicht, denn in der Steinstruktur ist eine Veränderung zu beobachten: Laut Rosella Rea, der Direktorin des Kolosseums, greift eine chemische Reaktion das Mauerwerk an, wobei sich Kalziumkarbonat in Kalziumsulfat verwandelt. In der Presse spricht man bereits von «Gesteinskrebs», da sich die Veränderung metastasenartig fortsetzt.
Angesichts dieser Ereignisse gewinnt das von der Europäischen Union geförderte Projekt «Climate for Culture» an besonderer Aktualität. Beteiligt sind neben 30 Institutionen aus 16 Ländern die Fraunhofer–Institute für Bauphysik und Silicatforschung sowie das Fraunhofer–Zentrum für Mittel– und Osteuropa. Seit November letzten Jahres erforschen Wissenschaftler im Rahmen der auf fünf Jahre angelegten Arbeiten die Auswirkungen des Klimawandels auf ausgewählte UNESCO Weltkulturstätten in Europa und Nordafrika. Mittels neuer Simulationsverfahren sollen Kulturdenkmäler, wie die Pyramiden von Sakkara in Ägypten oder das vom steigenden Wasserspiegel bedrohte Venedig, systematisch untersucht und objektbezogene Maßnahmen ausgearbeitet werden. Ziel ist es, die tatsächlichen Schäden zu analysieren und nachhaltige sowie vorbeugende Strategien zum Schutz des Denkmälerbestandes zu entwickeln. Schließlich wurden die geschichtsträchtigen Bauten, nicht mit Bedacht auf die sich ändernden Witterungsverhältnisse oder den Ansturm durch Touristen unserer Zeit errichtet – das Kolosseum in Rom wird beispielsweise jährlich von 3,5 Millionen Besuchern heimgesucht. Auch hier sollen nun restauratorische Schritte zum Erhalt des antiken Wahrzeichen eingeleitet werden, doch noch steht die finanzielle Lage des italienischen Staates diesem Vorhaben im Weg. Daher bemühen sich die Behörden um öffentliche und private Geldgeber; ein Schuhfabrikant aus dem eigenen Land und weitere Sponsoren aus Japan haben bereits Hilfe für das Kolosseum angekündigt.
Weitere Nachrichten aus der Welt der Archäologie finden Sie in jeder ANTIKEN WELT, der Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte