Verlag Philipp von Zabern


Der englische Treasure Act und seine Folgen für die Archäologie

Gefährlicher Mut zur Lücke?

Tuts Vorkammer
Bei ihren Gegnern gefürchtet, auf Paraden ein Glanzstück ihres Heeres - die römische Reiterei gehörte zu den wichtigsten Abteilungen des kaiserlichen Militärs. Das Detail von den Reliefs der Traianssäule zeigt römische Soldaten im Kampf gegen die barbarische Sarmaten. Auch in Großbritannien trugen die berittenen Soldaten ihren Teil zur Erweiterung und Sicherung des Reiches bei. Davon zeugen Prunkfunde wie der nun zur Versteigerung stehende Reiterhelm (Foto: Wikimedia Commons, Detail).

Ein singulärer römischer Reiterhelm, gefunden von einem Sondengänger bei Crosby Garrett in England, läuft Gefahr, demnächst bei einer Auktion bei Christie’s versteigert zu werden. Dadurch würde England einen bemerkenswerten Bodenfund verlieren – und das nur, weil das dortige Schatzregal (Treasure Act) eine schmerzliche Lücke aufweist.

In der englischen Grafschaft Cumbria fand ein junger Sondengänger auf der Suche nach Schätzen aus der Vergangenheit einen in mehrere Teile zerbrochenen römischen Kavallerie-Maskenhelm. Er ließ ihn restaurieren und bot ihn dann dem Auktionshaus Christie’s zur Versteigerung an. Zwar sind auch in Großbritannien archäologische Bodenfunde in der Regel Eigentum des Staates – doch gilt dies nur für Edelmetallgegenstände. Da besagter Helm jedoch aus verzinnter Bronze besteht, findet das Gesetz für ihn keine Anwendung. Wie kann das sein?

Das liegt zum einen an der Ausklammerung von Buntmetall, das nur etwa im Falle eines Münzhortes von mindestens zehn Münzen geschützt wäre. Ein (mehrteiliger?) Reiterhelm, selbst wenn er in zerbrochenem Zustand aufgefunden wird, gilt jedoch als Einzelstück, als ein Individuum. Dabei war den Gesetzgebern offenbar nicht bewusst, dass gerade römerzeitliche Depotfunde oftmals nur aus einem Stück bestehen können – man denke in diesem Zusammenhang auch an die sog. Fluss- oder Quellfunde, Opferungen von Schutz- und Angriffswaffen in Flüssen, die normalerweise keine Beifunde besitzen. Auch der Helm von Crosby Garrett könnte aufgrund seiner Patinierung so ein Gewässerfund sein. Zum anderen liegt es an der Hybris der Gesetzgeber, die Buntmetall als weniger wertvoll aus dem Gesetz ausschlossen, ohne zu bedenken, dass auch diese „billige“ Kategorie durchaus schützenswerte Gegenstände liefern kann.

Der Reiterhelm ist deshalb so bedeutend, weil er einen bislang unbekannten Typus dieser im gesamten Römerreich verbreiteten Paradehelme bildet: Er stellt einen jungen Mann mit deutlich ausgebildeten Schneckenlocken dar, der einen Helm in Form einer sog. phrygischen Mütze trägt. Diese normalerweise aus Filz gefertigte Mütze ist ein typisch orientalisches Kleidungsstück und gilt als Attribut von Menschen oder Göttern aus dem Osten. Auf dem Kamm dieses Helmes sitzt ein vollplastischer Greif, der sich dem Betrachter (= Gegner) zuwendet. Es ist nach den Exemplaren aus Ribchester und Newstead erst der dritte jemals in England gefundene vollständige Reiterhelm.

Kein Wunder also, dass sich die örtlichen Museen wie das Tullie House in Carlisle oder das Britische Museum in London die Finger nach dem Stück lecken – dass sie aber, um in seinen Besitz zu kommen, gegen jeden Privatsammler auf der Welt, der den Helm sein eigen nennen möchte, bieten müssen, ist ein Aberwitz. Der geschätzte Wert des Stückes liegt zwischen 300.000 und 500.000 englischen Pfund. Allerdings wird in einem Monat, soviel Zeit ist noch bis zur Versteigerung, kaum das fragwürdige Gesetz entsprechend korrigiert werden können. Sollte der Prunkhelm danach für immer ins Ausland verschwinden, so wäre das nicht nur tragisch für die englischen Museumsbesucher, sondern auch eine herbe Blamage für den Staat.

- ARo 09/2010 - 

Weitere Informationen finden Sie auch unter: 

http://www.guardian.co.uk/culture/2010/sep/13/roman-helmet-metal-detector-cumbria

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