
Was ist daran denn schon besonders, mögen Sie denken? Dann erzähle ich ihnen etwas über Familie Orlovits.
Als 1994 die Dominikanerkirche in der ungarischen Kleinstadt Vác renoviert wurde, stieß man auf eine lange vergessene Gruft. Und in dieser Gruft fanden sich hunderte von Särgen, in denen nicht, wie sonst üblich, Skelette enthalten waren, sondern aufgrund der besonderen Umweltbedingungen auf natürliche Weise konservierte Mumien. Da auf manchen Särgen Namen und Sterbedaten angegeben waren, konnte man diese mit den Kirchenregistern vergleichen und so ganze Familienstammbäume rekonstruieren. Darunter den der Familie Orlovits.
Der Vater, Michael Orlovits, war Müller und starb schon im Alter von 41 Jahren im Jahr 1806. Damals lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes bei ca. 45 Jahren, sodass Michael knapp so alt wurde wie viele seiner Altersgenossen. Die Mutter, Veronica Skripetz starb zwei Jahre später mit 38 Jahren – sie hatte ein für Frauen der Zeit um 1800 vergleichsweise hohes Alter erreicht, denn viele andere starben schon in ihren frühen 20er Jahren. Der Grund für den Tod war Tuberkulose – zusammen mit dem Kindbettfieber die häufigste Todesursache für Frauen. Beide hatten einen kleinen Sohn, der das Schicksal so vieler Kinder jener Zeit teilte und 1801 schon mit einem Jahr verstarb. Der Tod von nahen Angehörigen war für sie alle etwas Normales, denn nur wenige Kinder erreichten das Erwachsenenalter – und wenn doch, so hatten sie mit Sicherheit schon Eltern oder Geschwister verloren.
Versucht man, sich das Leben dieser Handwerkerfamilie vor Augen zu führen, so erhält man einen harten, entbehrungsreichen Alltag, der von Krankheit und Tod geprägt war und nur selten vor die Tore der Heimatstadt führte. Von Amerika hatten sie bestenfalls gehört oder kannten sogar jemanden, der dorthin auswandern wollte. Sicher unbekannt war ihnen jedoch das Pueblo de la Reina de los Ángeles, heute bekannt als Künstlermetropole Los Angeles an der Westküste der USA. 1781, also gut 20 Jahre vor dem Tod der Familie Orlovits, war diese kleine Siedlung von nur 44 Spanisch sprechenden Siedlern unterschiedlicher Herkunft und Beziehung (Spanier, amerikanische Ureinwohner, schwarze Sklaven) gegründet worden – eine vollkommen unbekannte, fremde Welt für jemanden, der in der ungarischen Provinz lebte.
Denn erst heute, 200 Jahre nach ihrem Tod, ist die Familie Orlovits nämlich auf die weite Reise in die Neue Welt gegangen: Nach ihrer unverhofften Entdeckung wurden ihre Mumien so weit konserviert, dass sie auch an Museen, die von Vác weiter entfernt waren als das Budapester Nationalmuseum, ausgeliehen werden konnten. Zunächst zur großen Mumienausstellung 2007 in Mannheim, und seit 1. Juli diesen Jahres sind sie im California Science Center im Rahmen der Ausstellung "Mummies of the World" in ihren gläsernen Sarkophagen zu sehen. Ihnen zur Seite stehen Mumien natürlich aus Ägypten, aus Südamerika und eben aus der ganzen Welt.
Muss das sein? Rechtfertigt das wissenschaftliche oder eher "voyeuristische" Interesse der Museumsbesucher solch eine "Reise"? Die Mumien wissenschaftlich zu untersuchen, zu konsevieren und in klimatisierten Vitrinen im Museum nahe ihrer Heimatstadt aufzubewahren, ist eine Sache; sie um den halben Erdball zu fliegen und "aufgerüscht" in neuen Kleidern zur Schau zu stellen eine andere. Dabei ist Vergleichbares schon länger Mode: Angeblich transportierte auch die 1912 gesunkene Titanic eine (ägyptische) Mumie, die nach dem Untergang geborgen ("gerettet"?) wurde und die daraufhin niemand mehr haben wollte, da keiner sicher sagen konnte, ob nicht sie schuld war an der Katastrophe.
Mumiengeschichten sind Gruselgeschichten und der Mensch, zumal der "moderne", liebt es, sich zu gruseln bzw. gruseln zu lassen. Die Mumien sind Schaustücke geworden, sind keine Überreste verstorbener Vorfahren mehr, denen ein Mindestmaß an ethischem Respekt gebührt (gar nicht zu reden von der Kirche). Mancher altägyptische Pharao, könnte er sich noch etwas wünschen, wäre sicher gerne wieder in seiner ruhigen Sargkammer im Tal der Könige. Doch da ist noch etwas anderes: Mumien ziehen das Publikum an wie eine Leiche die Fliegen – allerdings bezahlt dieses im Gegensatz zu Letzteren Eintritt. Und hier kommen wir zum Kern der Sache – nicht wissenschaftliches Interesse, nicht einmal menschliche Neugier ist Auslöser solch makabrer Transporte, sondern das "Wirtschaftsdenken" einer globalisierten Welt. Bedenkt man, dass nur 200 Jahre vergangen sind, seit Michael Orlovits am Donauknie nördlich Budapest sein Korn mahlte, um seine Familie zu versorgen, so scheinen dies zumindest Lichtjahre gewesen zu sein.
- Andrea Rottloff -