Verlag Philipp von Zabern


Sallust und die Verschwörung des Catilina

Entsetzliche Pädagogik des Lasters

Tuts Vorkammer
Die Verschwörung des Catilina machte Sallust berühmt; im 19. Jh. setzten englische Karikaturisten die Anklage Ciceros mit den herrschenden Zuständen gleich (aus Gilbert Abbott A Beckett, The Comic History of Rome. Bradbury, Evans & Co, London, 1850s)

Von der Handvoll überlieferter römischer Geschichtsschreiber ist ein Name untrennbar mit einem Ereignis verbunden, das die späte römische Republik erschütterte: Sallust, dessen Hauptwerk „Über die Verschwörung des Catilina“ (De coniuratione Catilinae) berichtet. Das Besondere hierbei: Sallust war selbst Politiker, und zwar von jener skrupellosen Sorte, die uns von den Anklageschriften Ciceros bis zu den Asterix-Comics immer wieder begegnet.

Gaius Sallustius Crispus wurde 86 v. Chr. in Amiternum in den Abruzzen geboren. Obgleich seine Familie reich und einflussreich war, musste er einige Hindernisse überwinden, um in Rom politisch Karriere zu machen. Schließlich war er das, was man damals einen homo novus nannte: ein Neureicher, sprich: vermögender Nicht-Adliger (wie beispielsweise auch Cicero), und traditionell waren die politischen Ämter in Rom dem alteingesessenen Adel vorbehalten.

Sallust interessierte sich schon früh für Politik, und das hatte seinen Grund: Er war Zeitzeuge mehrerer einschneidender Ereignisse der römischen Geschichte. Während Sallusts Kindheit herrschte jahrelang Sulla als Diktator über Rom, und als Sallust 12 war, kam es zum Sklavenaufstand um Spartacus, der seinerseits wiederum die Republik erschütterte.

Mit 22 befand sich Sallust bereits in Rom, als etwas passierte, das ihn so beeindruckt hat, dass er es über 20 Jahre später zum Thema seines Hauptwerks machte: die Verschwörung des Catilina. Sergius Catilina war unter Sulla zum ersten Mal politisch in Erscheinung getreten, bei den „Proskriptionen“, als 82 v. Chr. tausende politischer Feinde des Diktators (darunter Mitglieder der altehrwürdigsten Familien) auf offener Straße ermordet wurden. 66 v. Chr. versuchte Catilina das erste Mal, sich zum Konsul wählen zu lassen, stattdessen landete er vor Gericht – er hatte angeblich die von ihm verwaltete Provinz Africa ausgebeutet. Umfangreiche Bestechungsgelder führten zu seinem Freispruch. Wenig später fasste er wohl das erste Mal den Plan, die amtierenden Konsuln umzubringen – es wurde nichts daraus.

64 und 63 v. Chr. bewarb sich Catilina erneut als Konsul, doch er unterlag er immer den anderen Bewerbern (einer davon Cicero). Bald plante er erneut eine Verschwörung: Es sollte ein Attentat auf den amtierenden Konsul Cicero durchgeführt werden; danach wollte Catilina sich selbst zum Konsul erklären, für sich und seine Mitverschwörer Amnestie verkünden und seine politischen Feinde umbringen lassen. Die Verschwörung wurde durch Cicero aufgedeckt, und am 7. November hielt dieser eine berühmte Rede gegen Catilina im Senat in dessen Beisein. Catilina floh: Seine Komplizen ließ der Senat (auf Ciceros Betreiben) hinrichten. Catilina wurde zwei Monate später gestellt und ebenfalls getötet.

Zurück zu Sallust: Dieser schloss sich in Rom bald Caesar an, der für viele damals frischen Wind in die verkrusteten politischen Strukturen der Republik zu bringen verhieß. Mit 32 saß Sallust im Senat, und zwei Jahre darauf wurde er Volkstribun – im Jahr 52 v. Chr., demselben Jahr, in dem Clodius Pulcher, enger Freund Caesars und Liebling des gemeinen Volkes, auf der Straße erstochen wurde. 

Während Caesar in Gallien weiter Krieg führte, setzten sich Sallusts Gegner kurze Zeit durch und schafften es, ihn aus dem Senat zu drängen, aber als Caesar 49 v. Chr. in Rom mit seinen Truppen einmarschierte und es erneut zum Bürgerkrieg kam (der der Römischen Republik bald den Todesstoß versetze sollte), war Sallust bald wieder in Amt und Würden – wieder als Quästor.

Bald kletterte Sallust noch eine Stufe höher auf der Ämterleiter und ging als Statthalter nach Africa Nova. Und hier benahm er sich so, wie man es aus der Literatur schon fast von einem römischen Statthalter erwartet: Er beutete die Provinzbewohner aus und wirtschaftete in seine eigene Tasche – die Parallele zu Catilina ist geradezu augenfällig. Als er nach Rom zurückkehrte, stellte man ihn vor Gericht, aber Caesar machte all einen Einfluss geltend (und sein „Portemonnaie“ locker), und so wurde Sallust freigesprochen. Er ließ sich eine prächtige Villa in Tibur (Tivoli) bauen, und nach Caesars Ermordung (44 v. Chr.) zog er sich aus der Politik zurück und begann, die drei Werke zu schreiben, die ihm seinen Platz in der Weltliteratur sicherten – eines davon: „Über die Verschwörung des Catilina“.

Bei Sallust meint man eine objektivere Schilderung zu lesen als in Ciceros „Catilinarischen Reden“ (der anderen Quelle zur Verschwörung). Das wäre auch kaum erstaunlich, denn Sallust war ja, anders als Cicero, nicht persönlich an den Geschehnissen beteiligt. Sallust beschreibt z. B., wie Catilina im Umfeld des Diktators Sulla sich erst zum „Staatsfeind“ und wertet Catilinas geistige Fähigkeiten positiv – diese seien aber später durch die Machtgier überdeckt worden. Dennoch ist auch Sallusts Schrift tendenziös, in anderer Hinsicht. Sein Geschichtsbild ist dunkel: Die alten Werte verschwinden und die Gesellschaft steuert immer mehr auf den Abgrund zu. Sallust benutzt überholte lateinische Schreibweisen, die die „gute alte Zeit“ beschwören. Sein Werk wirkt z. T. wie ein Hilferuf in einer dem Untergang geweihten Welt.

Dabei ist in der Forschung nach wie vor umstritten, wie die Catilinarische Verschwörung überhaupt einzuschätzen ist. Mittlerweile verbreitet sich immer mehr die Ansicht, Cicero habe die Absichten der Verschwörer maßlos aufgebauscht, um seine eigene Position zu stärken.

Was die Nachwelt betrifft, so wurde Sallust (nicht ganz unverdienterweise) später des Öfteren vorgeworfen, er habe das Eine gepredigt, das andere gelebt. Der berühmte Kirchenschriftsteller Laktanz schreibt z. B. um 300 n. Chr.: „Der Nichtsnutz Sallust schrieb: ‚Unser Wille ist in Geist und Körper angesiedelt; die Seele benutzen wir zum Befehlen, den Körper eher zum Gehorchen.‘ Schön und gut, wenn er denn so gelebt hätte, wie er geschrieben hat. Denn er war ein Sklave niederster Triebe und hat seinen eigenen Ausspruch durch seine verdorbene Lebensführung selbst zerstört.“ Sallust starb mit Anfang 50, am13. Mai des Jahres 35 oder 34 v. Chr.

 

Theodor Mommsen über Catilina in seiner „Römischen Geschichte“:
„Vor allem Catilina war einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine Bubenstücke gehören in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon sein Äußeres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald träge, bald hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade besaß er die Eigenschaften, die von dem Führer einer solchen Rotte verlangt werden: die Fähigkeit, alles zu genießen und alles zu entbehren, Mut, militärisches Talent, Menschenkenntnis, Verbrecherenergie und jene entsetzliche Pädagogik des Lasters, die den Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher zu erziehen versteht.“

 

Die Catilinarische Verschwörung als Romanstoff

Die Ereignisse um die Verschwörung sind geradezu prädestiniert als Stoff für historische Romane – insbesondere historische Krimis. Hier ein paar Titel „zum Weiterlesen“:

• Henry W. Herbert: The Roman Traitor. A True Tale of the Republic (1846)
• Paul L. Anderson: Slave of Catiline (1930)
• Karl Kreisler: Catilina. Roman eines Verschwörers (1936)
• John Maddox-Roberts: „SPQR II – Die Catilina-Verschwörung“ (The Catiline Conspiracy, 1991)
• Steven Saylor: „Das Rätsel des Catilina“ (Catilina‘s Riddle, 1993)
• Robert Harris: „Titan” (Lustrum, 2009)

- C. Hartz -