
Der erste Abschnitt eines Forschungsprojektes zur römischen Nekropole von Heidelberg ist abgeschlossen. Soeben ist die zweibändige Publikation erschienen. Darin werden neue Erkenntnisse zu Bestattungspraktiken, ökonomischen Verhältnissen oder der Anpassung der Provinzbevölkerung an die römische Lebensweise vorgestellt.
Westlich der Kohortenkastelle und der Zivilsiedlung (vicus) von Heidelberg-Neuenheim wurde das bislang größte und besterhaltene Gräberfeld der römischen Provinz Germania Superior (Obergermanien) ausgegraben. Die Nekropole erstreckte sich auf einer Länge von knapp 500 m beiderseits der Straße nach Lopodunum (Ladenburg), dem Zentrum der Gebietskörperschaft (civitas) der Neckarsueben. Dort bestatteten zwischen 80/85 n. Chr. und 185/190 n. Chr. sowohl die Kohortensoldaten als auch die Bewohner des vicus ihre Toten.
In 1349 Brand- und 39 Körpergräbern konnten insgesamt 1413 Individuen identifiziert und ca. 100.000 Beigaben geborgen werden. Außerdem wurden steinerne Grabbauten, Opfergruben und Bestattungen von Tieren untersucht. Der gute Erhaltungszustand des Friedhofes ist dem Umstand zu verdanken, dass das „Neuenheimer Feld“ bis in die Nachkriegszeit nahezu unbebaut geblieben war. Als die Universität Heidelberg in diesem Areal einen neuen Campus plante, wurde die Nekropole durch systematische Flächengrabungen erschlossen. Die Ausgrabungen setzten im Jahre 1951 ein und konnten 1969 beendet werden.
Mit der Schaffung eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes konnte in den vergangenen Jahren die Aufarbeitung der archäologischen Dokumentation und der Funde endlich in Angriff genommen werden. Das interdisziplinäre Arbeitsprogramm wurde in der Archäologischen Abteilung des Heidelberger Kurpfälzischen Museums koordiniert und erfuhr die Unterstützung des Landesamtes für Denkmalpflege und des Regierungspräsidiums Karlsruhe.
Nun konnte das Ergebnis des ersten Projektabschnitts in einer zweibändigen Publikation vorgelegt worden. Neben dem wissenschaftlichen Katalog der Gräber und Beigaben umfasst das Werk die Resultate der inschriftlichen, numismatischen, anthropologischen, zoologischen, botanischen und textilkundlichen Untersuchungen; außerdem die Ergebnisse chemischer Analysen an Ton- und Glasgefäßen sowie am originalen Inhalt eines Salbölbehälters. An der Publikation sind 14 Wissenschaftler verschiedener deutscher Forschungseinrichtungen mit Beiträgen beteiligt.
Ölmonopole und Energiealternativen
Der Katalog bietet eine breite Grundlage für Auswertungen, die ganz unterschiedlichen Fragestellungen folgen können. So sind etwa neue Erkenntnisse zu Bestattungspraktiken, ökonomischen Verhältnissen oder dem Vorgang der „Romanisierung“, d. h. der Anpassung der Provinzbevölkerung an die römische Lebensweise zu erwarten. Ein interessantes Ergebnis ist bereits bekannt geworden:
Bei einer Untersuchung aller Gräber mit beigegebenen Tonlampen zeigte sich, dass an den Beleuchtungskörpern im Laufe des 2. Jhs. n. Chr. ein Wandel hinsichtlich ihres Gebrauches und ihrer Technologie sichtbar wird, der auf Schwierigkeiten in der Beschaffung des für die Lampen erforderlichen Olivenöles schließen lässt. Ähnliche Hinweise aus anderen Bestattungsplätzen lassen vermuten, dass wahrscheinlich die meisten nördlichen Provinzen des Reiches von dieser „Energieversorgungskrise“ betroffen waren. Der Auslöser für dieses Problem war eine Art Wirtschaftskrieg zwischen den Betreibern der Olivenbaumplantagen in Italien und der Provinz Hispania Baetica, aus dem Letztere siegreich hervorgingen. Die italischen Großgrundbesitzer gaben den Anbau der Olive auf und Spanien gewann eine Monopolstellung, die sich offensichtlich auf den Preis auswirkte: Vielen Bewohnern der nördlichen Breiten des Imperiums wurde das importierte Öl zu teuer. Man schätzte es weiterhin als Lebensmittel, nutzte es aber seltener zum Lichtmachen und wich dabei auf andere Energieträger wie den billigen Rindertalg aus.
Angaben zur Publikation
Andreas Hensen, Das römische Brand- und Körpergräberfeld von Heidelberg I. Band 1 Katalog und Untersuchungen/ Band 2 Tafeln (Stuttgart 2009).