Verlag Philipp von Zabern


5 Fragen an

Dr. Sabine Faust, Klassische Archäologin und Leiterin der Sammlungen des Rheinischen Landesmuseums Trier

Tuts Vorkammer

Gaius Albinius Asper, der im Trier der römischen Zeit lebt, trauert um seine verstorbene Frau Secundia als ihm der Götterbote Merkur erscheint und ihn in die Unterwelt mitnimmt, auf die Suche nach der geliebten Gattin – eine aufregende Reise beginnt. Begleiteten Sie die beiden Protagonisten der neuen Ausstellung „Im Reich der Schatten“ des Rheinischen Landesmuseums, wo seit dem 22. Juni Geschichte in neuartiger Manier präsentiert wird. Im Interview erklärt Dr. Sabine Faust, was der Einsatz neuster Museumstechnik möglich macht und wie Hightech-Animationen und römische Kunst zusammengeführt werden können.

Frau Dr. Faust, Sie waren an der Konzeption und Umsetzung des völlig neuen Museumsformats beteiligt – den Besucher erwarten eine 360-Grad-Inszenierung mittels moderner Projektions- und Soundtechnik, die sich an dem römischen Theater orientiert, und ein 45 Minuten langes Hörspiel, das u.a. von Peter Striebeck und Christoph Maria Herbst gesprochen wird. Wie muss man sich den Aufenthalt in der Ausstellung vorstellen und welche Rolle nimmt der Besucher selbst in der Multimedia-Performance ein?

Der Besucher befindet sich inmitten des Geschehens und folgt seinem Ablauf durch den Raum. Im „Reich der Schatten“ ist er für die handelnden Personen genauso unsichtbar wie Merkur und Albinius Asper. Die Szenen laufen an den Grabdenkmälern und den Wänden des Saales ab. Jeder Blickwinkel überrascht den Besucher mit neuen, unerwarteten Sequenzen.

 

Im Zentrum der Ausstellung steht die sog. „Neumagener Gräberstraße“. Die etwa 50 Denkmäler wurden 1877 bis 1885 in Neumagen an der Mosel entdeckt und sind seit jeher im Landesmuseum zu sehen. Etwas über 1900 Jahre ist der älteste der Grabsteine, die in dem ca. 500 Quadratmeter großen, halbrunden Museumssaal aufgestellt sind und nun in modernem Licht erscheinen. Den roten Faden durch die Ausstellung geben die Erlebnisse des Merkur und seines Begleiters, dem Geschäftsmann Gaius Albinius Asper, die den Alltag der normalen Bürger, Matronen, Wagenlenker und Weinhändlern durchleben. An welchen Vorlagen orientieren sich diese Geschichten und wie viel historische Wahrheit steckt tatsächlich in der fiktiven Reise?

Auf den Grabdenkmälern im Saal zeigen die römischen Kunsthandwerker das tägliche Leben Ihrer Auftraggeber mit den Aspekten, die diesen zur Selbstdarstellung wichtig waren. Wir sehen Szenen aus dem Geschäftsleben. Das Freizeitvergnügen Jagd wird in Szene gesetzt. Ein Fan der Circusrennen lässt diesen beliebten Sport auf seinem Grabmal verewigen. In die private Sphäre führen Reliefs mit Mahlszenen und Darstellungen der weiblichen Haarpflege. „Im Reich der Schatten“ erzählen wir diese Darstellungen weiter und flechten dabei viele aus historischer Überlieferung bekannte Details und Episoden ein.

Asper und Secundia_Trier

Das innovative Projekt brachte Archäologen, Historiker sowie Künstler, Film- und Medientechniker an einen Tisch. Wie lange haben sie an der Umsetzung des beinah eine Million schweren Unternehmens gearbeitet und welcher Gedanke steckt hinter der Symbiose von Antike, Kino, Theater, Museum und Hörspiel? Was wollen Sie den Besuchern mit der, drei Mal täglich zu festen Uhrzeiten stattfindenden, Vorführung mit auf den Weg geben?

Von der ersten Idee bis zur Umsetzung sind etwa 8 Monate vergangen. Die Kommunikation zwischen den Projektbeteiligten mit den sehr unterschiedlichen Ansätzen hat hervorragend funktioniert. Der Besucher soll erleben, dass die Reliefs keine toten Ausstellungsstücke sind sondern „lebendige Antike“ zeigen. Sicher hat sich sein Blick für die Steine geändert, wenn er sie sich noch einmal ohne die Animation betrachtet.

 

Wir haben einen ersten Eindruck vom Zusammenspiel antiker Grabsteine, modernen Projektionen, Licht und Musik gewonnen, aber nun eine etwas kritische Frage Frau Dr. Faust: Brauchen die Ausstellungstücke diese Spezialeffekte und Animationstechniken, die eine Feuersbrunst oder ein Gewitter über die Objekte schicken, tatsächlich oder spricht die Kunst der Antike nicht für sich? Was gibt uns eigentlich die Gewissheit, dass die Denkmäler wirklich so bunt waren?

Die Animation „Im Reich der Schatten“ ergänzt die museale Präsentation der Objekte um einen völlig neuen Aspekt. Ich war selbst überrascht, wie lebendig die Denkmäler plötzlich sind. Das tut ihnen auf jeden Fall sehr gut. Über ihre Farbigkeit sind wir gut informiert. Wir können fundierte Aussagen zu der ursprünglichen Bemalung machen, weil sich an vielen Stellen unserer Reliefs Farbspuren erhalten haben. Der aufmerksame Museumsbesucher kann sie im Neumagener Saal finden. Natürlich ging durch die lange Lagerung im Erdreich der größte Teil der Farbigkeit verloren. Aber es bliebt festzuhalten: Die Antike war „bunt“.

Raumtheater Medusa_Trier

Das Rheinische Landesmuseum Trier entsagt mit diesem neuen Ausstellungsformat dem Klischee der verstaubten Exponate hinter Glas, zu denen man sich die Informationen selbst suchen und lange Texttafeln lesen muss. Wie beurteilen Sie die Erwartungshaltung des Museumsbesuchers von morgen und werden sich die Museen dieser anpassen müssen?

Wenn die Gesellschaft sich verändert, müssen sich auch die kulturellen Angebote weiter entwickeln. Genau das verwirklicht „Im Reich der Schatten“ ja auf völlig innovative Weise. Exponate hinter Glas wird es weiterhin geben. Aber verstaubt muss diese konventionelle Art der Präsentation natürlich nicht sein. Dies zeigt die seit dem Herbst 2009 präsentierte  neue Dauerausstellung  des Rheinischen Landesmuseums.

Vielen Dank!

 

Seit dem 22. Juni 2010 zeigt das Landesmuseum das mediale Raumtheater „Im Reich der Schatten" dreimal täglich (außer montags) Dienstag - Sonntag: 11.30 Uhr, 14 Uhr, 17 Uhr.

Dauer der Vorstellungen: ca. 45 min.

 

Weitere Informationen finden Sie im Netz unter: http://www.im-reich-der-schatten.de/