Verlag Philipp von Zabern


Auf römischen Spuren mit Gehard Binder

Don Mario Pericoli und die antike Stadt Todi – Teil I

Tuts Vorkammer
Todi, Pizza des Popolo (Foto: Wikimedia/Zyance).

Besuchen Sie heute mit Gerhard Binder die römische Stadt Tuder, das moderne Todi in der italienischen Region Umbrien. Folgen Sie den Spuren des Archäologen und Geistlichen Don Mario Pericoli und entdecken Sie die Überreste einer vergangen Zeit – ein Ausflug – in drei Teilen – in die Geschichte wartet auf Sie!

Don Mario Pericoli

Vor Weihnachten letzten Jahres war auf der Homepage der Stadt Todi folgender Termin vermerkt: "Samstag 12. Dezember 2009 wird um 17.00 Uhr in der Kirche Santa Maria in Camuccia eine Messe zu Ehren von Don Mario Pericoli aus Anlass seines 10. Todestages stattfinden. Eintritt frei." Don Mario war bis zu seinem Tod Pfarrer an der genannten Kirche des 13. Jahrhunderts, die in einem unverfälschten mittelalterlichen Quartier liegt. In den viereinhalb Jahrzehnten seiner Tätigkeit an S. Maria in Camuccia betätigte er sich als begeisterter, ja besessener Archäologe, der über die Unterkirche bis in Räume der römischen und Schichten der umbrisch-etruskischen Jahrhunderte vorstieß. Zwei römische Säulen, die das Portal der Kirche schmücken, wirken wie äußerliche Hinweise auf den Enthusiasmus des liebenswürdigen Pfarrers, der wohl die meiste Zeit grabend und schreibend unter seiner Kirche zubrachte.

Don Mario Pericoli Das Foto von September 1998 zeigt Don Mario Pericoli ein Jahr vor seinem Tod umgeben von seinen unzähligen Schriften und Prospekten (Foto: Gerhard Binder).

Don Mario Pericoli war jedoch auch als Lokalhistoriker über die Grenzen Todis hinaus bekannt und geschätzt, schrieb über den religiösen Lyriker Jacopone da Todi (13. Jh.) sowie den Bischof und Märtyrer San Cassiano, Bischof und Märtyrer am Anfang des 4. Jhs. (s. unten). Den liebevollen Beinamen "närrischer Jakob", den Ersterer als armer Büßer erhielt und als Ehrung empfand, möchte man fast auf den unermüdlichen Heimatforscher übertragen, dessen Aktivitäten auch in der Fachliteratur mehrfach gewürdigt wurden. In der ihm kurz vor seinem Tod von Franco della Rosa gewidmeten Edition einer Geschichte der Stadt Todi aus dem 17. Jh. wird er "anello di congiunzione tra passato e presente" genannt, sein Verdienst "il vitale impegno verso la conoscenza e tutela della sua Città". Im Standardwerk von Manuela Tascio (1989) wird ihm als "attento cultore delle antichità tudertine" gedankt.

 

Binder_Fragment eines Freskos aus der Unterkirche von S. Maria in Camuccia in Todi Fragment eines Freskos aus der Unterkirche von S. Maria in Camuccia (Foto: Gerhard Binder).

S. Maria in Camuccia: Sedes Sapientiae

Unzählige Steine und Scherben hat Don Mario Pericoli aus dem unter seiner Kirche liegenden Schutt von drei Jahrtausenden geborgen. Daneben galt seine ungeteilte Liebe jedoch dem Kleinod einer wunderbaren Schnitzfigur Marias, genannt "Sedes Sapientiae", die das ebenfalls gewandete Jesuskind auf ihrem Schoß hält. Dieses Bild gleicht einer anderen sitzenden Madonna, die auch aus Italien stammt (und seit 1887 in Berlin ist: jetzt Bode-Museum) und die Inschrift In gremio Matris fulget Sapientia Patris ("Im Schoß der Mutter erstrahlt die Weisheit des Vaters") trägt. Beide Schnitzbilder werden ins 12. Jh. datiert. An der vermutlich älteren aus Todi tragen beide Figuren Köpfe aus späterer Zeit: Maria einen Kopf aus der Renaissance, Jesus einen Puttenkopf aus dem 17. Jh. Das auch kunsthistorisch bedeutende Werk wurde 1988 aus der Kirche S. Maria gestohlen, nach vier Monaten wiedergefunden und danach restauriert. Hinweise auf gleichartige Statuen erbat seinerzeit sac(erdote) Mario Pericoli  an seine Adresse in Todi.

Binder_Sedes Sapientiae, 12. Jh. n. Chr., Todi, S. Maria in Camucci

Sedes Sapientiae, 12. Jh., Todi, S. Maria in Camuccia (Foto nach dem Faltblatt SEDES SAPIENTIAE von Don Pericoli, 1995).

 

Tuder, das heutige Todi,

oberhalb des Tiber gelegen, war eine bedeutende umbrische Stadt als Grenzfestung gegen das Gebiet der Etrusker. Die gleichwohl enge Beziehung zu den Nachbarn belegt der auf Münzen des 4.-3. Jh. erscheinende Name Tutere (tute = Grenze), aber z.B. auch die Bronzestatue des sog. Mars von Todi mit ihrer umbrisch-etruskischen Inschrift oder der erste Mauerring der Stadt (s. unten). Schon Mitte des 4. Jh. v. Chr. geriet Todi in den römischen Einflussbereich. Nach dem sog. Bundesgenossenkrieg erhielt die Stadt im Jahr 89 v. Chr. das römische Bürgerrecht. Im nachfolgenden Bürgerkrieg stand Todi gegen Sulla auf Seiten des Marius, wurde von den Truppen des Sulla-Anhängers Crassus erobert und geplündert. Nach der Schlacht von Philippi gegen die Caesarmörder wurde Todi im Jahr 42 von Octavius, dem späteren Augustus, zur Veteranenkolonie erhoben. Die Stadt hieß seither Colonia Iulia Fida Tuder. Die Bedeutung von Todi geht u.a. aus der Lage an der Via Amerina, der direkten Straßenverbindung zwischen Rom und Perugia sowie an der Querverbindung zwischen Orvieto und Spoleto hervor (s. unten zu Ad Martis). In den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit war Tuder eine blühende Handelsstadt. Besonders hervorgehoben wird der Weinbau: Die in Etrurien bevorzugte Rebsorte trug den Namen Tudernis (Plinius, Naturalis Historia 14,36).

 

Carcere di S. Cassiano

Die Umgebung von S. Maria in Camuccia ist, wie schon die Grabungen unter der Kirche vermuten lassen, reich an Spuren der etruskischen und römischen Vergangenheit. Ein merkwürdiges Monument - der sog. Carcere di S. Cassiano - liegt in der Nähe von S. Fortunato bei der Anhöhe der ehemaligen Rocca. Dabei handelt es sich ursprünglich um eine Zisterne aus römischer Zeit, in der nach der Legende der Bischof Cassianus vor seinem Märtyrertod im Jahr 304 gefangen gehalten wurde. Das Bauwerk erhielt im Mittelalter zwei spitzbogige Fenster sowie ein Portal mit Rundbogen, der auf Pfeilern mit einfachen Kapitellen ruht.

Binder_Todi, Römische Zisterne, genannt Carcere di S. CassianoRömische Zisterne, gennant Carcere di s. Cassiano (Foto: nach Guida turistica a colori, Grassetti Editore, 1992).

 

–Prof. Dr. Gerhard Binder–

 

 

 

– Teil II folgt am 23. August 2010 –

Teil II folgt am 30. August 2010