Verlag Philipp von Zabern


Eine große Sonderausstellung über römische Porträts in den Kapitolinischen Museen

Die vielen Gesichter der Macht

Tuts Vorkammer
Der Kaiser Commodus (180–192 n. Chr.). Darstellung als Herkules mit Löwenfell und Keule. Marmor, 192 n. Chr., Rom, Kapitolinische Museen.

Die Ausstellung «Ritratti. Le tante facce del potere» («Porträts. Die vielen Gesichter der Macht»), die noch bis zum 25. September 2011 in den Kapitolinischen Museen gezeigt wird, ist der zweite Teil des auf fünf Jahre angelegten Großprojektes «I giorni di Roma». Diese neue Ausstellungsserie begann 2010 mit «L`età della conquista. Il fascino dell`arte greca a Roma» («Die Zeit der Eroberung. Die Faszination der griechischen Kunst in Rom»). Die Kuratoren, Eugenio La Rocca und Claudio Parisi Presicce, haben es sich zur Aufgabe gemacht, einem breiten Publikum die jüngsten Forschungsergebnisse zu einem zentralen Thema der römischen Kunstgeschichte zu vermitteln: den Einfluss der griechischen Kunst auf die römische sowie die Entwicklung einer eigenen Formensprache in der römischen Porträtplastik – ein Thema, mit dem sich die gegenwärtige Ausstellung in sechs Abteilungen beschäftigt.

Die erste Ausstellungsabteilung steht unter dem Titel «Von der Maske zum Abbild». Beleuchtet werden hier die Hintergründe, die zur Herstellung von Totenmasken aus Wachs führten. Es war nicht nur der Stolz auf die eigenen Vorfahren, sondern auch eine Aufforderung an die Zeitgenossen, wichtige Ämter an die Angehörigen einer Familie zu übertragen, deren Vorfahren sich bereits vielfach ausgezeichnet hatten. Die in besonderen Schränken in den Atrien der patrizischen Villen aufbewahrten Masken wurden bei großen Bestattungsfeierlichkeiten von Schauspielern getragen, so dass die Verstorbenen quasi ihre eigenen Grabreden hörten, und zwar nicht, um die Hinterbliebenen zu trösten, sondern aus Gründen der propagandistischen Selbstdarstellung der Familie. In dieser Abteilung, die wegen der Zerbrechlichkeit der Materialien eher karg bestückt ist, wird eine Gipsform gezeigt, die zum Anfertigen solcher wächsernen Totenmasken diente (125–150 n. Chr., Musei Capitolini – Centrale Montemartini).

Der zweite Teilbereich der Ausstellung, «Ägypten, Griechenland und Rom», beschäftigt sich mit dem Phänomen der Erinnerungskultur, das die öffentlichen Gebäude und Orte allmählich erfasste, so dass dort Büsten und Statuen aus dauerhaften und z. T. kostbaren Materialien aufgestellt wurden. Nach dem nicht schriftlich festgehaltenen ius imaginum war es eben nicht nur der Familie gestattet, von jedem Familienmitglied, das eine wichtige staatliche Funktion innegehabt hatte, ein Bild aufzustellen. Auch Rom konnte diese Ehrung für Generäle und Konsuln beschließen, die sich um das öffentliche Wohl verdient gemacht hatten. So fielen Familienpropaganda und Staatspropaganda völlig zusammen.

In dieser Ausstellungsabteilung wird der Versuch unternommen, die Verbindungen und Herleitung der römischen Werke vor allem von griechischen Vorbildern aufzuzeigen. Dabei erweisen sich die Kontakte als teilweise so eng, dass es nahezu unmöglich erscheint, die Frage eindeutig zu beantworten, ob hier Griechen oder Römer am Werk waren.

Die dritte Ausstellungsabteilung, «Das Schema der Bildnisse», bemüht sich zu zeigen, welche einzelnen Elemente dazu beitragen sollten, die Identifikation und den Rang des jeweils Dargestellten zum Ausdruck zu bringen, wobei folgende Abstufungen möglich waren: stehende oder sitzende Wiedergabe, Darstellung in Form eines Reiterstandbildes oder aber auf einem Wagen fahrend – die höchste Stufe der Ehrerbietung. Von höchster Bedeutung war die Bekleidung des Dargestellten: als Togatus, als Panzerstatue oder in heroischer Nacktheit mit militärischen Attributen. Die Attribute dienten im Allgemeinen der Identifizierung des Dargestellten dank einer Bildersprache, die von dem zeitgenössischen Betrachter leicht zu deuten war.

Das vierte Thema der Ausstellung, «Die Gesichter der Herrschenden», beleuchtet den sozialen Aufstieg der Schicht der Freigelassenen, bei deren Porträts – freilich nur in der Privatsphäre und im Zusammenhang mit dem Totenkult – Anlehnungen an die Darstellung beliebter Souveräne zu beobachten sind, so dass sich manchmal selbst für den Archäologen durchaus Identifikationsprobleme ergeben.

Die fünfte Ausstellungsabteilung, «Monarchen und Privatpersonen als Götter», zeigt die Funktion des Bildnisses als Träger einer überweltlichen Botschaft. Während die Kaiser in öffentlichen Bildwerken im Habitus von Göttern dargestellt wurden, geschah solches auch bei Privatpersonen bei Darstellungen, die für ihre Häuser oder ihre Grabstätten bestimmt waren. Das galt auch für die Frauen, die nicht nur als Personifizierung weiblicher Tugend wiedergegeben wurden, sondern auch in der makellosen Nacktheit der Aphrodite, aber mit ihren eigenen, oft durch das Alter gezeichneten Gesichtern.

Matronenkopf künstlich friesiert. 90-100 n. Chr. Marmor Paris, Louvre.

Porträt einer Matrone mit kunstvoll gesteckter und gedrehter Lockenfrisur. Marmor, 90–100 n. Chr., Paris, Louvre.

Der sechste thematische Bereich, «Weibliche Frisuren», ist den verschiedenen Frauenfrisuren gewidmet, die für den Archäologen von heute durchaus ein Mittel der Identifikation der Porträts der Kaiserinnen bilden, da sie in der Antike als modische Vorbilder kursierten.

Zusammenfassend: Anhand von über 150 ausgestellten Werken, die aus den Kapitolinischen, aber auch aus zahlreichen anderen europäischen Museen stammen, wird hier das komplexe Thema römischer Porträtkunst unter allen damit zusammenhängenden Gesichtspunkten behandelt: den Beziehungen zur griechischen Kunst, dem Problem des Idealporträts, aber auch der eher realistischen oder der typologisierenden Wiedergabe des Darzustellenden. Die Kapitolinischen Museen liefern mit ihren umfangreichen Sammlungen einen idealen Ort für eine solche Ausstellung, wobei eine ausführlichere, schriftliche Erläuterung der hier angesprochenen Themen neben den Exponaten allerdings für den Besucher, der nicht über spezielle Kenntnisse verfügt, durchaus hilfreich gewesen wäre. Hier kann der interessante Ausstellungskatalog weiterhelfen.

Musei Capitolini: Palazzo Caffarelli / Palazzo dei Conservatori
Ritratti. Le tante facce del potere
bis 25. September 2011
Geöffnet: Di–So 9–20 Uhr
Piazza del Campidoglio 1
www.museicapitolini.org
Katalog: MondoMostre, 431 S., € 45

Maria-Aurora von Hase-Salto