
Weitläufig und großzügig präsentiert sich das antike Philippi: sicherlich der größte und auch eindrucksvollste archäologische Park, der in Nordgriechenland existiert; ein bedeutsames Stück antiker Geschichte, das man durchlaufen kann. Die Stadt, die in weiten Teilen erst durch Philipp II. (um 382-336 v. Chr.) ihre heutige Struktur und Ausdehnung erhielt, zieht auch heute noch eine große Zahl an Besuchern an und das Theater, das der Makedonenkönig einst als Erster anlegen ließ, ist weiterhin gut besuchter Veranstaltungsort.
Besucht man das antike Philippi in der heutigen Verwaltungsregion Ostmakedonien und Thrakien läuft man jenseits des Theaters durch antike gepflasterte Straßen, sieht zu beiden Seiten die prächtigen Bauten der Makedonen sowie dann auch die Hinterlassenschaften der Römer, die Philippi sowohl wegen seiner Schönheit als auch wegen seiner nahe gelegenen Silberminen sehr zu schätzen wussten und die Stadt mit aufwändigen Bauten schmückten.
Krenides nannten die einheimischen Thraker und Thasier Philippi, das im 7. Jh. v. Chr. ursprünglich von Thasos aus besiedelt worden war - eine griechische Gründung inmitten thrakischen Landes. Erst nach der Eroberung durch Philipp II. wurde Krenides umbenannt. Der Vater Alexanders d. Gr. setzte sich damit ein Denkmal. Für die neue Stadt begann eine Zeit der Blüte sowie des Wohlstandes und als später die Römer die berühmte via egnatia nahe Philippi bauen ließen, die den Westen und den Osten miteinander verbinden sollte, wurde der Ort endgültig zur Metropole. Griechen und Römer lebten gemeinsam in den Mauern der Stadt, nutzten die reichen Silberminen und nahe gelegenen Marmorsteinbrüche. Die via egnatia war von nun an nicht nur eine militärisch und strategisch bedeutsame Straße, sie wurde zur Lebensader Philippis und damit auch der gesamten pereia, des Umlandes; Handel wurde getrieben und Waren getauscht. Die Ausgrabungen belegen, dass Importe aus allen Teilen der antiken Welt nach Philippi kamen.
Steinerne Jagd über Philippi
Steht man auf der antiken Agora und sieht die marmornen Säulenschäfte, die korinthischen Kapitelle und die Grundmauern verschiedener Tempel, die zu beiden Seiten die Straßen säumen, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie Philippi mit mächtigen und vor allem prächtigen Marmorbauten Menschen aus allen Teilen der antiken Welt anzuziehen vermochte. Das kosmopolitische Flair des einstigen wirtschaftlichen, politischen und auch kulturellen Zentrums, das bis weit ins Mittelalter bestand, ist immer noch fühlbar. Es sind der Reichtum, die Kultur und auch die Lage, die Philippi dann zum Bischofssitz werden ließen.
Verlässt man die weiten Straßen und steigt den Berg hinauf, an den sich das antike Theater lehnt, sieht man ein weiteres Erbe Philippis, das anders ist und fremd wirkt. Ganz unvermutet begegnet dem Wanderer eine Jägerin im schnellen Lauf. Sie zieht einen Pfeil aus dem Köcher und setzt an, den Hirsch vor ihr zu erlegen. Erwartungsvoll rennt neben ihr ein Hund.
Entlang des Bergrückens, teils durch Gestrüpp überwachsen, bedecken scheinbar planlos rund 100 rechteckig gerahmte Bildfelder den Berghang nach allen Richtungen. Meist sind sie namenlos und die Darstellungen wirken wie in Stein gemeißelte Graffitizeichnungen. Fast scheint es, als ob jede natürlich geglättete Felswand das Bild der Jägerin tragen sollte. Betrachtet man sie, diese ungelenken und einfachen Darstellungen, mag man nicht glauben, dass sie ebenso Erbe jener griechischer Kunst sind, die nicht lange Zeit zuvor die Skulpturen des Parthenon erschaffen konnte. Auch passen sie nicht in das Umfeld dieser reichen und aufwändig bebauten Stadt.
Und doch sind sie so alt wie die Stadt und gehören zur Stadt, denn einige wenige dieser Bilder tragen lateinische oder griechische Inschriften. Sie benennen die dargestellte Figur und oft beinhalten sie auch den Namen des Stifters. Diana heißt die Jägerin und auch Artemis wird sie genannt, je nachdem ob der Auftraggeber ein Römer oder Grieche war, die beide in dieser Stadt lebten.
Mehr als den Namen geben die Bilder auf den ersten Blick jedoch nicht preis, und seit ihrer Entdeckung weiß man noch immer nicht genau, was es auf sich hat mit den Felsbildern in Philippi, die es so kein zweites Mal in Griechenland gibt. Diese außerordentliche, ja geradezu isolierte Stellung führt schließlich dazu, dass sie, fast scheint es ein wenig schamhaft, mit einem Zaun von der prächtigen Stadt getrennt wurden Heute liegen sie außerhalb des zugänglichen archäologischen Geländes, hoch über dem Theater, das jedes Jahr während der Sommermonate so viele Besucher zum berühmten Sommerfestival begrüßt. Über all dem sind die Bilder einer thrakischen Jägerin in Stein gemeißelt, der Jägerin, die kaum einer kennt, die aber durchaus bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen.
Das Bild und seine Geschichte
Betrachtet man die Bilder genauer fällt auf, dass sie untereinander nicht nur sehr ähnlich sind, sondern vor allem ein und dieselbe Person, ja sogar das identische Bildthema abbilden - auf allen Bildern ist die griechische Göttin Artemis zu sehen. Das zumindest ergibt sich für die meisten Felsbilder anhand der Inschrift, die am Bildrand angebracht ist: „Artemis, der Jägerin, weihe ich das Bild.“ So lautet die kurze Formel.
Artemis, die Zwillingsschwester Apollons, ist während der Jagd dargestellt. Begleitet von ihrem Hund verfolgt sie im schnellen Lauf einen flüchtenden Hirsch; mit ihrer Rechten greift sie nach den Pfeilen, die im Köcher stecken. Es ist dieser Moment, in dem sie den Bogen spannt, ihn hoch erhoben hält, im Begriff ist anzusetzen, das Wild zu erlegen.
Dabei ist sie nicht nur als Jägerin gerüstet- auf einigen Bildern trägt sie statt Pfeil und Bogen eine Lanze -, sondern auch mit einem kurzen Chiton und Stiefeln bekleidet. Eine Bekleidung, die auch die Tracht der einheimischen Thraker war. Ihr Haar ist zu einem strengen Knoten zusammengefasst; ausdruckslos wirkt ihr Gesicht, angespannt und konzentriert. Sie ist, so scheint es, sich ihrer Sache sicher.
Es wundert kaum, dass der Ausgang des Kampfes stets zugunsten der Jägerin eindeutig scheint, selbst wenn sie das Tier nicht direkt durchbohrt. Nicht das Ende der Begegnung ist wichtig und wird gezeigt, denn dieses scheint gewiss. Die Jagd als Handlung und als Tugend steht bei den Bildern im Vordergrund. Sie dokumentieren die Überlegenheit der Göttin gegenüber dem Tier und damit auch der wilden Natur. Artemis beherrscht diese und unterwirft sie sich.
Immer und immer wieder wurde dieses feste Bildschema nahezu unverändert in die nackten Felswände eingemeißelt. Über die paläographische Auswertung erkennt man, dass das früheste Bild wahrscheinlich zur Zeit der Makedonen dort entstand. Das späteste Bild datiert wegen der Schriftform ins 2. Jh. n. Chr. Ein Bild, das mehr als 250 Jahre beliebt war, immer wieder in die Felswände eingeritzt und gleichermaßen von Frauen und Männern verwendet wurde. Der Grund für ihre Weihungen bleibt hingegen weitgehend verborgen und war wohl nur den Weihenden selbst bekannt. Auch künftig wird es keine Möglichkeit geben, dieses Geheimnis zu lüften, und so muss vieles immer ein wenig im Bereich des Spekulativen bleiben.
„Unter den Göttern verehren sie nur Ares, Dionysos und Artemis“
Auf den ersten Blick erkennen wir eine Hommage an die Göttin Artemis. Und natürlich stellt sich die Frage, aus welchem Grund man ihr solche Ehre zuteilen werden ließ und weshalb man ausgerechnet Artemis wählte?
Schnell fallen einem eine alte Tradition und Überlieferung zum Pantheon der Thraker sowie die Worte des antiken Geschichtsschreibers Herodot (V 7; ca. 485-424 v.Chr.) ein. Er bezeichnete die Thraker als das größte Volk nach den Indern und nennt als ihre wichtigsten Götter Ares, Dionysos und Artemis, wobei er auf eine noch frühere Überlieferung des Hipponax (frg. 120 Bgt.) aus dem 6. Jh. v. Chr. Bezug nimmt.
Die Verehrung und der Stellenwert jener Götter in der thrakischen Gesellschaft waren also immer bekannt und so vermag man die hohe Dichte der Bilder und ihre stete Präsenz wenigstens scheinbar zu erklären.
Wichtig für das Verständnis ist zudem die Gleichsetzung der griechischen Göttin Artemis mit der thrakischen Göttin Bendis. Als megale theos - die „große Muttergottheit“ - oder basileia - die Königin - nahm sie nicht nur in den nordägäischen Regionen die Rolle einer bedeutsamen Göttin ein. Als parthenos – die „Jungfräuliche“ – genoss Bendis nach Herodot (IV 33) bei den Thrakern große kultische Ehren und verkörpert ein typisches Merkmal der Artemis. Ihre starke Beziehung zur Jagd hebt zudem Kratinos (PCG fr. 85; 5. Jh. v. Chr.) hervor und nennt als ihr Attribut die Doppellanze, dilonchos, die man auf einigen der Felsbilder sehen kann.
Die hohe Stellung der Bendis und ihr großes Ansehen kann man durch einen anderen Umstand ermessen, der sich allerdings ein wenig von den Felsbildern entfernt.
Bekannt ist durch den Geschichtsschreiber Thukydides (II 29,4), der kurz nach Herodot wirkte, dass der fremden Göttin Bendis aus dem barbarischen Norden - als Dank für die Allianz der Thraker mit den Athenern während des Peloponnesischen Krieges (431–411 v. Chr.) - für kurze Zeit in Athen Gastrecht eingeräumt wurde. In diesem Zusammenhang wurden die hiera (Tempel) errichtet und der Kult ihr zu Ehren aufwändig begangen. Ein Heiligtum stand wohl in Piräus. Weitere sind aus Laurion bekannt und auch auf den Kykladeninseln genoss sie große Ehren.
Welcher Art das Fest zu Ehren der Barbarin war, ist dabei vor allem durch die Schilderung in Platons Politeia (327ff.) überliefert. Darin fordert er seinen Gefährten Glaukos auf, mit ihm nach Piräus hinab zu steigen und den Fackelzug zu Ehren der Göttin Bendis zu betrachten, der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfände. Der Festzug begann auf der Athener Agora, in Piräus wurde er durch den der epichorioi, also der Einheimischen, erweitert. Am Abend folgte ein Fackellauf zu Pferd, eine sog. lampas. Mit einem großen orgiastischen Fest, bei dem Handklappern, Zimbeln und Pauken verwendet wurden, endete der Kulttag, für den im attischen Kultkalender der 19. und 20. Thargelion vermerkt sind, was in die Zeit zwischen Mitte Mai bis Mitte Juni fällt.
Bendis war somit keine unbekannte oder unbedeutende Göttin. Sie war eine thrakische Göttin und die Griechen kannten und verehrten sie.
So erklärt sich durch den Blick nach Athen die vielschichtige Bedeutung der Bilder an den Berghängen um Philippi.
Jeder, der dieses Motiv wählte, sah in der Gestalt der Jägerin auch die thrakische Göttin Bendis. Sie waren ein und dieselbe Person - eine Jägerin, wie man sie am ehesten mit dem wilden Volk der Thraker in Verbindung brachte, und als solche sicher auch ein Idol für die Männer, für die Jagd ein wichtiger Teil des aristokratischen Lebens war. Wie Artemis-Bendis wollten sie jagen und wie sie sowie mit ihrer Hilfe die Natur beherrschen.
Als große Muttergottheit war Artemis-Bendis aber auch die Beschützerin der weiblichen Natur und wahrscheinlich weihten ihr aus diesem Grund auch Frauen.
Griechen, Thraker und Römer konnten sich mit fast jedem Anliegen an die jagende Göttin wenden und sie um Schutz anflehen, und so hoch über Philippi scheint es, als wäre sie nicht nur eine Beschützerin des Einzelnen, sondern als würde sie die gesamte Stadt verteidigen und beschützen.
Maria Deoudi
Institut für Klassische Archäologie
und Antikensammlung
der Universität Erlangen
Kochstrasse 4/19
91054 Erlangen
Sie wollen mehr erfahren über Artemis und ihre Kultstätten? Lesen Sie auch: Eine lange Freundschaft mit Ephesos. Zaberns Kulturreiseführer entführt Sie in das Artemision nach Ephesos - Weltwunder, Kultstätten und malerisch gelegenes Denkmal!