Verlag Philipp von Zabern


Ein Reise- und Studienjahr auf Kreta

Die Insel des Minotauros

Tuts Vorkammer
Von der Fortezza von Rethymno aus bietet sich ein spektakulärer Blick auf Kretas Berge. Die Insel zu erkunden, ihre Natur und Geschichte in ihrer ganzen Vielfalt kennen - und lieben - zu lernen, muss nicht ein ganzes Jahr dauern. Und doch fällt selbst nach so vielen Monaten der Abschied schwer und noch lange scheint nicht alles entdeckt worden zu sein (Alle Fotos: A. Teuscher).

Mindestens ein Semester, wenn nicht gar ein ganzes Jahr in Griechenland oder Italien zu verbringen, gehört für die meisten Studenten der Klassischen Archäologie zu den wichtigsten Erlebnissen ihres Studiums. Nur selten entscheiden sie sich dabei jedoch für Kreta, die Insel des Minotauros und der sagenhaften Paläste. Von den schönsten historischen Stätten, die auch in diesem Sommer einen Besuch wert sind, berichtet Anne Teuscher, Studentin aus Tübingen:

Nun habe ich ein Jahr auf Kreta verbracht und bin mir sicher, dass ich immer noch nicht alles Sehenswerte gesehen habe.

Am meisten fasziniert hat mich Kreta im Frühjahr, auch wenn man dann noch von dem einen oder anderen Regentag heimgesucht werden kann, der nicht ganz so warm ist, wie man es von Griechenland erwartet. Belohnt wird man dafür mit einer unglaublichen Landschaft: Alles ist grün, mit Blumen übersät und fast gewinnt man den Eindruck, man befände sich in einer Fotomontage, wenn man am Horizont die schneebedeckten Berge sieht.

 

Palast auf Kreta

Atemberaubend erscheint der Ausblick, wenn sich minoische Palastruinen zu den Füßen erstrecken, während sich in der Ferne die schroffen Berge Kretas aus dem Dunst erheben. Ein Zusammenspiel von Archäologie und Natur, wie es nur selten zu erleben ist.

 

Trotz dieser landschaftlich spektakulären Aussichten sind es vor allem die Geschichte und Archäologie Kretas, die den Besucher auf die Insel ziehen. Das berühmteste Touristenziel ist sicherlich Knossos, die sagenhafte Heimat des Minotauros, dem regelmäßig je sieben athenische Knaben und Mädchen geopfert wurden, bis Theseus aus Athen kam, um ihn zu besiegen.

Leider merkt man dem Palast seine Berühmtheit nur zu deutlich an. Während der Saison drängen sich Scharen von Touristen an den größtenteils nachgebauten Gebäudekomplexen vorbei. Demnach ist es vielleicht besser, Knossos während der Urlaubssaison schon morgens zu besuchen, um dem großen Andrang zu entgehen.

Die Wandmalereien und anderen Funde befinden sich heute nicht mehr vor Ort, sondern im archäologischen Museum von Heraklio.

Wer es generell etwas ruhiger mag, dem sei der Besuch der zahlreichen anderen minoischen Paläste empfohlen, die deutlich weniger überrannt sind. Außerdem sind sie weitgehend so belassen, wie sie bei den Ausgrabungen vorgefunden wurden. Und, ob gewollt oder ungewollt, die Minoer hatten nicht nur bei ihrer Malerei, sondern auch bei der Auswahl der Standorte ihrer Paläste ein Gespür für die Schönheit der Natur. So liegt einem z.B. in Festos die Messara-Ebene zu Füßen und in der Ferne schimmert das libysche Meer.

Festos, Agia Triada und Gortyn/Gortis liegen im Süden dicht beieinander. Festos, Fundort des berühmten und weiterhin rätselbehafteten Diskos, ist nach Knossos die bekannteste Palastanlage Kretas. Dennoch ist es mir hier gelungen, für einige Zeit allein zu sein, bevor die ersten anderen Besucher kamen. So allein nimmt man den Palast und seine Umgebung ganz anders wahr; nicht verlassen, sondern wunderbar ruhig und mit dem Gefühl ihn ganz für sich zu haben.

Die Fotografen unter den Kretareisenden freut außerdem, dass man nur dann fotografieren kann ohne sich später, wie so oft, ärgern zu müssen, dass auf einem Großteil der Bilder ausgerechnet die unmöglichsten Touristen versammelt sind. Und auch selbst läuft man Mitfotografen nicht ständig ins Bild, während man alles in Ruhe bestaunt.

Den Ort Gortyn gab es zwar schon in minoischer Zeit, an Bedeutung gewann er aber erst nach den Minoern. Besonders wurde er von den Römern und Christen geprägt. Zu den Highlights gehört deshalb sicherlich auch die lange Gesetzesinschrift, die in das Halbrund des Odeions eingemauert ist und stellenweise erstaunlich moderne Züge trägt.
Im Norden zwischen Heraklio und Agios Nikolaos befindet sich der Palast von Malia und ganz im Osten Kato Zakros, der wahrscheinlich nicht nur Flottenstützpunkt und Handelszentrum für Knossos war, sondern ebenfalls  eine eigenständige Stadt. 

 

Kato Zakros

Ganz im Osten Kretas liegt Kato Zakros - Flottenstützpunkt und Handelszentrum für Kreta. Trotz der abgelegenen Lage lohnt sich ein Besuch, denn im Gegensatz zu Knossos zeigen sich die vielen anderen minoischen Paläste auf der Insel weniger überlaufen.

 

Ganz in der Nähe liegt außerdem der Eingang zur sog. „Schlucht der Toten“, die bis nach Ano Zakros führt. Ihren Namen erhielt die Schlucht wegen der minoischen Gräber, die sich in ihren Wänden befinden. Die Gräber sind inzwischen leider geplündert und die Schlucht vor allem für Wanderungen beliebt.

Ein  sehr schönes archäologisches Museum befindet sich in Chania. Schön, nicht nur, was die Exponate betrifft, sondern auch im Bezug auf das Gebäude. Die Ausstellungsräume befinden sich in einer alten venezianischen Kirche. Aber auch die archäologischen Museen von Heraklio, Agios Nikolaos, Sitia, Ierapetra und das Kleinere von Rethymno sind einen Besuch wert. Wobei vom Museum in Heraklio derzeit nur ein Saal geöffnet ist, der aber die berühmtesten Ausstellungsstücke präsentiert, etwa den schon erwähnten Diskos von Festos, den Anhänger mit den goldenen Bienen und einige der minoischen Fresken.

Und am Abend, nach Museumsbesuchen und minoischen Palästen, sollte man am besten den wunderschönen Sonnenuntergang betrachten.
 

Sonnenuntergang auf KretaSonnenuntergang auf Kreta. Mehr Worte braucht es hier nicht... 


Es ist sicherlich einfacher mit einem Auto auf die Reise zu gehen, aber die wichtigsten archäologischen Stätten und Museen kann man auch mit Bussen erreichen. Die Fahrt mit dem Auto hat natürlich den Vorteil, dass man unterwegs auch spontan die Route ändern und aussteigen kann, wenn man eines dieser braunen Schilder sieht, die zumeist auf einen Ausgrabungsort (aber auch andere Sehenswürdigkeiten) hinweisen oder wenn man von der Landschaft zu einem Foto hingerissen wird.

- A. T. -

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