
Als Kleinod und einzigartiges Beispiel für die mittelalterliche Handschriftenkunst wird er gefeiert - der Königsegger Codex. In dieser prächtigen illustrierten Handschrift schildert der berühmteste Fechtmeister des Mittelalters, Hans Talhoffer, die Geschichte eines seiner Schüler, des Junkers Luthold von Königsegg. Talhoffer beschreibt die Fechtunterweisung Lutholds, der sich schließlich in einem gerichtlichen Zweikampf auf Leben und Tod beweisen muss. Besitzer der Handschrift ist das württembergische Adelshaus Königsegg-Aulendorf, das diesen Codex hier zum ersten Mal als Faksimile der Öffentlichkeit zugänglich macht. Johannes Graf zu Königsegg-Aulendorf berichtet hier über die Geschichte seiner Familie und wie sie in den Besitz dieses kostbaren Buches kam:
Der Königseggwalder Codex des Fechtmeisters Hans Talhoffer entstand im Jahre 1467, als der berühmte Fechtmeister für einige Zeit im Dienste meiner Vorfahren stand. Junker Lutold III. residierte seinerzeit auf Burg Marstetten, über dem Illertal gelegen, und war reich mit Zöllen und anderen Einkünften ausgestattet. Zu seiner Ausbildung zum ritterlichen Leben und Kämpfen gehörte auch die Unterweisung in den verschiedenen Künsten des Fechtens und nicht zuletzt im Erlernen des Ehrenkodex, der bei aller Brutalität der damaligen Auseinandersetzungen doch zu einem Verhalten führen sollte und führte, das den Zusammenhalt unter den christlichen Reichen, Fürstentümern und Herrschaften gewährleistete. „Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt“ hat dies der berühmte englische Historiker Robert Bartlett genannt und treffender kann man den Prozess des Werdens Europas am Beginn einer neuen Zeit nicht bezeichnen. Sein gesicherter Besitz erlaubte ihm, bei Thalhoffer diesen sicher mit großem künstlerischem und finanziellem Aufwand geschaffenen Codex zu bestellen, der zu den Preziosen der mittelalterlichen Buchmalerei gehört und für die Dokumentation der alten Kampfeskünste sicher eine Ausnahmestellung einnimmt.
Politisch bewegten sich die Freiherren und späteren Grafen zu Königsegg im Umkreis des Schwäbischen Bundes und der Grafen Ulrich und Eberhart von Württemberg, mit der Übernahme der Reformation durch das württembergische Herzogshaus wandte man sich, altgläubig geblieben, dem Hause Habsburg und Österreich zu. Geehelicht hat Lutold III. die Ulmer Patriziertochter Anna Ehinger, Repräsentantin der aufsteigenden Macht der Reichsstädte und typische Vertreterin einer neuen „Lebensqualität“ in den Niederburgen, Palästen und Städten.
Die Familie des Protagonisten entstammt oberschwäbischem Uradel, der im Dienst der Welfen und später der Staufer stand und gehörte zu den Gefolgsmannen des Geschlechts, dessen glänzendster Vertreter einmal „das Staunen der Welt“ genannt wurde. Nach dem Zusammenbruch der Stauferherrschaft war die Familie zu Königsegg in der Lage, kraft der Fähigkeiten ihrer Mitglieder in Kriegstechnik, Diplomatie und früh erworbener Bildung wie die erfolgreichen anderen Familien aus der „Konkursmasse“ eine eigene Herrschaft zu formen, die selbst nach ihrem Übergang ans neu erkorene Königreich Württemberg ihre regionale Bedeutung behalten konnte. Doch auch in die internationale Politik hat sie sich in früheren Zeiten eingemischt, nicht zuletzt in den Personen eines Kurfürsten von Köln, des Koordinators der Abwehrmaßnahmen bei der osmanischen Belagerung Wiens und zum Beispiel auch beim Freiheitskampf der Griechen. Drei überlebende Familienzweige wirken in der oberschwäbischen Heimat, in Ungarn und in Schweden.
Freuen Sie sich an dem mit wundervoll kolorierten Zeichnungen versehenen und fachkundig kommentierten Band, der die Reihe des Autors über die mittelalterlichen Kampfestechniken würdig ergänzt.
Johannes Graf zu Königsegg-Aulendorf