Verlag Philipp von Zabern


Realität oder Märchen?

Die Blutgier eines Gottes

Tuts Vorkammer
Stelen auf dem Tophet in Karthago markieren die Grablegen ganz jung verstorbener Kinder (Foto: BishkekRocks/Wikipedia).

Blutopfer, grausig getöteter Kinder sollen das Einzige gewesen sein, das Baal Hammon, Karthagos Hauptgott, zufrieden stellte – nach Ansicht der Römer. Eine Meinung, die selbst in die Neuzeit Einzug hielt und nun erst langsam mittels neuer Forschungsmethoden revidiert werden kann.

Baal Hammon soll der blutgierige Gott der Karthager gewesen sein, der einzig und allein von abscheulichen Kinderopfern besänftigt wurde. Dies berichten die griechischen Geschichtsschreiber Diodor und Plutarch über das im 2. Jh. v. Chr. schließlich endgültig zerstörte Karthago und seine Einwohner, die es über Jahrhunderte hinweg gewagt hatten, die Herrschaft Roms nicht zu akzeptieren.

Propaganda steckt vermutlich dahinter, arbeiteten doch beide Autoren im Auftrag der Herrschenden Roms. Doch die neuen Erkenntnisse des Anthropolgen Jeffrey Schwartz der University of Pittsburgh sprechen eine ganz andere Sprache, als es die Überlieferungen der antiken Schreiber vermitteln wollen. Auf dem karthagischen Kinderfriedhof Tophet, lange Zeit Ort wildester Spekulationen, untersuchte er die Todesursache an Knochen aus 346 Urnen. Schwartz fand dabei heraus, dass zum einen jegliche Spuren eines gewaltsamen Todes fehlen  und zum anderen 20% der Kinder bereits als Totgeburten zur Welt kamen und somit sicherlich nicht an Baal-Hammon geopfert wurden. Für die Altersbestimmung der anderen Kinder nahm er Knochen aus Schädel, Sitz- und Schambein. Seine Ergebnisse zeigen, dass die meisten Kinder auf dem Friedhof zwischen dem zweiten und fünften Monat verstorben waren – keine Seltenheit zu dieser Zeit bei schlechten hygienischen Bedingungen, keiner auszureichenden Wasser- und Abfallentsorgung und mangelnder medizinischer Versorgung der normalen Bevölkerung. Für eine noch genauere Untersuchung schickte er Zähne von 50 der sehr früh verstorbenen Kinder an Roberto Macchiarelli vom Muséum National d'Histoire Naturelle in Paris und Luca Bondioli vom Museo Nazionale Preistorico Etnografico in Rom. Das Ergebnis zeigte, dass 26 Kinder bereits tot geboren worden waren und die anderen kurz nach der Geburt verstorben waren.

Nach Schwartz Untersuchungen dürfte eindeutig gezeigt sein, dass die Karthager keine der bestatteten Kinder geopfert haben. Vielmehr ist der Mythos der kinderopfernden Karthager wohl einer römischen Herrscherelite zuzuschreiben, die mit Angst und Abscheu den Fremden gegenüber die Rechtmäßigkeit des römischen Handelns in der breiten Bevölkerung untermauern wollte.

Interessant ist dieser Aspekt vor allem durch die Tatsache, dass der Umgang mit Kindern auch im antiken Rom nicht immer besonders einfühlsam war. So war es durchaus möglich, Kinder abzutreiben, sie auszusetzen oder auch gezielt zu töten. Aber nicht nur Schlimmes widerfuhr Kindern in der Antike. So war deren Leben – ganz wie heute – neben Schulunterricht und Lernen geprägt von Spielen und Kultteilnahme. Eine facettenreiche Welt voller Gegensätze, die vom reich bebilderten Sonderband "Die Welt der Kinder" eindrucksvoll präsentiert wird. Ein Buch, das endlich einmal den Blickwinkel auf das Wichtigste einer jeden Generation richtet: Kinder – Zukunft von damals und heute.