
Wie die alten Griechen die Welt und die Menschen in ihr sahen und abbildeten, beeinflusste alle westlichen Kulturen nach ihnen. Vor allem den Römern galten griechische Bildnisse als das Ideal schlechthin, und selbst unsere heutige Ästhetik ist noch grundlegend geprägt von der griechischen Klassik.
Doch die frühesten Versuche griechischen Kunstschaffens in der kykladischen und geometrischen Epoche waren davon noch weit entfernt: Mehr kodierte Symbole als naturgetreu abgebildete Wesen, strebten diese Plastiken eben keinen Realismus an. Sie stellten keine Individuen dar, sondern Typen. Ab archaischer Zeit (6. Jh. v. Chr.) wird der Wunsch greifbar, den Standbildern ein lebensnäheres Aussehen zu geben, was nach einer Reihe von Zwischenstufen und „Fehlversuchen“ schließlich in der Klassik auch gelingt.
Die Kouroi und Koren Attikas, die Athleten und Reiter der Tempelgiebel und Weihungen sind eindeutig als Menschen wie du und ich zu erkennen, selbst wenn sie gelegentlich Götter darstellen. Die griechische Bildhauer schufen damit das zeitlose Idealbild des perfekten jungen, schönen Körpers. Dessen Nacktheit war noch nicht beschämend, sondern feierte die Schönheit alles Lebendigen. So sind die zahllosen Wiedergaben der Liebesgöttin Aphrodite zugleich ein Lobpreis der sterblichen Frau. Auch Mischwesen wie Kentauren und Satyrn unterlagen diesem Schönheitsideal, ebenso wie Personifikationen von Naturphänomenen wie der Nacht oder dem Schlaf. Alles stand unter dem vor allem von Sokrates geprägten Motto kalos kagathos – schön und gut. Das Streben nach körperlicher, geistiger und ethischer Vervollkommnung wurde das Ideal aller griechischen Bürger. Realistische Statuen waren nun nicht nur ein Zeichen von höchster Kunstfertigkeit, sondern auch von gesteigerter Empfindungsfreude und persönlicher Bildung.
Ab hellenistischer Zeit, als sich der Horizont der Griechen durch die Alexanderzüge schlagartig immens vergrößerte, erfreute man sich schließlich an der möglichst realitätsnahen Darstellung verschiedene Altersstufen, Physiognomien und Völkerschaften, was in zahllosen Porträts individueller Personen endete. Die endlose Vielfalt der menschlichen Erscheinung löste nun das frühere Idealbild ab. Anhand der griechischen Skulpturen im British Museum London zeigt dieser luxuriöse Bildband in bislang unveröffentlichten Nahaufnahmen und unter neuen Blickwinkeln die bis ins kleinste Detail reichende Schönheit der klassisch-griechischen Plastik.
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