Verlag Philipp von Zabern


Machtrückgabe und Politikverdrossenheit in der Antike

Der Chaldäer des Horst Köhler

Tuts Vorkammer
Diokletian (* zwischen 236 und 245 in Dalmatien; † um 312 in Spalato/Split) gehört zu den wenigen Staatsmännern der Antike, die einen Rücktritt von allen politischen Ämtern wagten. Für seinen Lebensabend zog sich Diokletian in seinen Palast nach Split zurück, wo diese Büste an ihn erinnert (Foto: Wikipedia/Alecconnell).

Politik ist Macht, und der Rücktritt von allen Ämtern bedeutet deshalb auch immer einen Machtverlust. Auch wenn uns dieser Schritt eines Politikers heute immer wieder erstaunt, so hören wir in den Nachrichten doch immer wieder davon. Wie aber sah es in der Antike mit einer solcher Entscheidung aus? Wie sehr hielten römische Staatsmänner und Kaiser an ihrer Macht fest?

Selten hat Deutschland über eine Entscheidung eines Politikers sich so erstaunt die Augen gerieben wie über den plötzlichen Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler. Und nun fragt sich jeder nur eines – „warum?“, allenfalls noch – „warum jetzt?“

In der Antike waren Rücktritte von Staatsoberhäuptern eher selten; viel öfter kam vor, dass sie von machthungrigen Nachfolgern „beseitigt“ wurde, um es einigermaßen elegant auszudrücken. Und musste ein neuer römischer Kaiser ausgerufen werden, so geschah dies meist durch Akklamation, also mittels Ausrufung durch die Legionen (nicht, dass man sich heute diesen Zustand zurückwünscht….). Nur wenige legten einen lange und sorgfältig geplanten Rücktritt hin wie Diokletian und Maximian am Ende der 1. Tetrarchie 305 n. Chr. – bei ihnen stand schon von vornherein fest, dass sie nach 20 Dienstjahren ihre Sessel räumen würden, um sich auf beschauliche Landgüter zurückzuziehen – oder, wie Diokletian, in einen veritablen Palast in Spalato, dem heutigen Split, in dem im Mittelalter ein ganzes Stadtviertel Platz hatte.

Nun kann man aus all dem jedoch noch nichts auf das „Warum“ schließen. Hierzu ist möglicherweise eine Anekdote aus Plutarchs Biografie des römisch-republikanischen Diktators Sulla hilfreich: Er schreibt, dieser habe sein Amt aufgegeben, nachdem ihm ein Chaldäer (ein Mann aus Mesopotamien) geweissagt habe, er müsse nach einem ruhmreichen Leben auf dem Gipfel seiner Macht sterben (warum nur sind Weissagungen immer so naheliegend?). Sulla habe daraus geschlossen, wenn er noch eine gemütliche Zeit auf seinem Altersruhesitz in Puteoli verbringen wolle, wäre es an der Zeit, sich davonzumachen. Wie prosaisch wirkt dagegen die Überlegung des Historikers Karl Christ, der annahm, Sulla sei einfach nur politikverdrossen gewesen und habe zudem die Querelen der Politiker sattgehabt!

Und somit stellt sich uns eine neue Frage zu dem „Warum“ – hatte auch Horst Köhler einen in die Zukunft blickenden Chaldäer? Oder sollte er einfach die Querelen in der Regierung …… aber nein, das kann doch nicht sein, oder?

 

- Aro 06/10 -