Verlag Philipp von Zabern


Kindermumien aus Riesa im Rahmen der Ausstellung „Mumien – Körper für die Ewigkeit“

Dem Vergessen entrissen

Tuts Vorkammer
Carl Christoph von Felgenhauer, geb. 1680, gest. 1682, Ev.-luth. Kirchengemeinde Riesa (Foto: Christian Hammer).

In der Gemeinschaftsausstellung von Naturkundemuseum Kassel und Museum für Sepulkralkultur „Mumien - Körper für die Ewigkeit“ (17.11.2009 bis 18.04.2010) erwarten die Besucherinnen und Besucher zu Recht Mumien aus dem pharaonischen Ägypten. Sie gelten schließlich als Inbegriff der menschlichen Hoffnung eines Lebens über den Tod hinaus. Dass sie auch wohl konservierte Mumien aus Mitteleuropa (etwa aus dem ungarischen Vac) und sogar aus Deutschland sehen werden, wird sie vielleicht überraschen.
Aber weil die Kasseler Mumienausstellung auch zeigen will, wie weit verbreitet die Jenseitshoffnung mit der Konservierung des menschlichen Körpers verknüpft war, sind die Mumien aus europäischen Kirchengrüften und Adelsgrablegen besonders wichtig.

Es mag wirklich überraschend sein, dass auch Christen, die an die Auferstehung eines neuen Leibes glaubten, dem irdischen Leib soviel Bedeutung beimaßen, aber zwischen gelehrter Theologie und dem Glauben des Volkes gab es durchaus Unterschiede. In der Barockzeit wurden viele Grüfte bewusst so angelegt, dass gute klimatische Bedingungen für eine natürliche Mumifizierung der Leichname sorgten.

Allein in Deutschland gab und gibt es Hunderte von Grablegen mit Tausenden von Mumien, doch sind sie als Phänomen unserer eigenen Bestattungskultur kaum im Bewusstsein. Erst nach und nach entdeckt man sie als wichtigen Gegenstand der Volksfrömmigkeit, der regionalen Heimatkunde, der Theologie und der Naturwissenschaft. Weil es sich nicht um ein peripheres Phänomen handelt, verdienen die europäischen Gruftmumien die ungeteilte Aufmerksamkeit einer interdisziplinären Forschung, wie sie im Europäischen Mumienprojekt nach einer Initiative der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen geleistet werden soll.

Für die Kasseler Mumienausstellung ist es deshalb besonders wichtig, dass zwei barocke Mumien aus der Gruft der Klosterkirche in Riesa gezeigt werden können. Als dort 1828 die Gruft unter dem Altar geöffnet wurde, fand man 50 Särge. In vielen waren die Leichname nicht verwest, wofür ein ständiger kühler Luftzug, der durch die Gruft wehte, verantwortlich ist. Auch die Kleidung der Toten und Grabbeigaben, wie Blumen, Schmuck, Bücher und Kreuze, waren in gutem Zustand. Die ältesten Mumien stammen aus dem 17. Jh.

In Kassel werden zwei Kindermumien gezeigt, und deren Anblick darf man getrost als anrührend bezeichnen. Die Särge mit ihren konservierten Körperchen, die bekleidet sind, stehen in der Riesaer Gruft normalerweise zwischen den Särgen der Erwachsenen. Ihnen schenkte man dieselbe Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die Mumien der beiden Kinder sind im Museum für Sepulkralkultur zu sehen, wo sie zwischen anderen Zeugnissen der Bestattungskultur für einige Monate eine temporäre, aber zugleich würdige zweite Heimat gefunden haben. Während der derzeit laufenden Restaurierungsarbeiten in der Klosterkirche von Riesa wird auch ihre Gruft wieder hergerichtet. Dorthin zurückgekehrt werden sie ihren
Schlaf bis zur Auferstehung fortsetzen dürfen.

Das Museum für Sepulkralkultur ist der Evangelisch- Lutherischen Kirchgemeinde Riesa sehr dankbar, dass sie ihm die Mumien für die Zeit der Ausstellung anvertraut hat. In geschützten Vitrinen werden sie in ihren Särglein ruhend zu sehen sein. Die verzierten und beschrifteten Särge waren nicht weniger wichtig als die Maßnahmen zur Mumifizierung, denn mit den Worten Martin Luthers war der Sarg ein „sanft Schlaf und Ruhebett“ und im übertragenen Sinn der Schoß Jesu Christi. Es waren fromme Christen, die ihrem Glauben an die Auferstehung auch mit den letztlich unzulänglichen Mitteln der Körpermumifizierung Ausdruck verleihen wollten. Diese Sitte dauerte noch bis ins späte 18. Jh. an, ehe dann die meisten Kirchengrüfte und Mausoleen auf Anordnung der Obrigkeit geschlossen wurden.



- Professor Dr. Reiner Sörries -
Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.
und Direktor des Museums für Sepulkralkultur Kassel


- Pfarrer Christoph Steinert -
Vorsitzender des Vorstandes der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Riesa


Im Rahmen der Sonderausstellung
Mumien – Körper für die Ewigkeit
17. November 2009 bis 18. April 2010

Naturkundemuseum und Museum für Sepulkralkultur

Mit freundlicher Unterstützung des Kasseler Wirtschaftsunternehmen K+S


Öffnungszeiten in beiden Museen
Dienstag 10 – 17 Uhr | Mittwoch 10 - 20 Uhr | Donnerstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr




Adressen
Naturkundemuseum im Ottoneum der documenta-Stadt Kassel | Steinweg 2 | 34117 Kassel | Telefon 0561 787- 4066 | naturkundemuseum@stadt-kassel.de | www.naturkundemuseum-kassel.de
Museum für Sepulkralkultur | Weinbergstraße 25-27 | 34117 Kassel | T 0561 91893 0 | info@sepulkralmuseum.de | www.sepulkralmuseum.de