
Italien, Griechenland und die Türkei werden immer wieder als „Freilichtmuseen“ der klassischen Antike bezeichnet. Mit strengen Gesetzen versuchen sie, ihr archäologisches Erbe zu schützen, und mancher Urlauber wird sich gerade jetzt in der Ferienzeit fragen, weshalb er nicht einmal einen Kieselstein als Souvenir mit nach Hause nehmen darf. Die jüngsten Aktionen der italienischen Polizei zeigen hingegen, wie schwach der Schutz antiker Kulturgüter noch immer zu sein scheint. Vom glücklichen Ausgang solcher Razzien und Beschlagnahmungen zeugt nun auch eine Ausstellung in Rom:
Noch bis zum 12. September 2010 ist im neuen Ausstellungssaal unter dem Denkmal für Vittorio Emanuele II in Rom (Zugang über die Piazza dell’Aracoeli) die Ausstellung Dal sepolcro al museo. Storie di saccheggi e recuperi – Von der Bestattung ins Museum. Die Geschichte der Plünderungen und der Wiedergewinnung – zu sehen. Organisiert wurde sie von der Abteilung Gruppo Tutela Patrimonio Archeologico der Guardia di Finanza – einer Einheit zum Schutz des archäologischen Erbes Italiens.
Damit setzt die Ausstellung eine Reihe von Veranstaltungen fort, die sich in den letzten Jahren dem Phänomen zunehmender Raubgrabungen und der illegalen Ausfuhr antiker Kunst sowie ihrer Rückgewinnung dank der Polizei widmete (wir berichteten kürzlich über die geglückte Operation „Andromeda“ sowie den Aufruf zur Mithilfe bei der Wiederauffindung einer etruskischen Bronzeamphora [Red.]). Den Beginn machte I Nostoi, tesori ritrovati – Die Nostoi, wiedergefundene Schätze – auf dem Quirinal: eine eindrucksvolle Ausstellung von Funden höchster Qualität, darunter der berühmte Krater des Euphronios – ein Weinmischgefäß, wie es die Griechen, aber auch Etrusker beim Gelage verwendeten. Es folgten: Il segreto di marmo: i marmi policromi di Ascoli Satriano – Das Geheimnis des Marmors: die polychromen Marmorfiguren aus Ascoli Satriano (16.12.2009–18.04.2010, verlängert um einen Monat) – mit wiedergewonnenen Objekten aus dem J.-P. Getty Museum in Malibu sowie Il tesoro di Morgantina: argenti del III sec. a. C. da New York alla Sicilia – Der Schatz aus Morgantina: Silberobjekte des 3. Jhs. v. Chr. von New York bis Sizilien (20.03.–23.05.2010) – mit 15 kostbaren Stücken aus dem Metropolitan Museum; beide Ausstellungen im Museo Nazionale Romano di Palazzo Massimo. Alle Exponate wurden nur dank der Untersuchungen der Carabinieri und der Guardia di Finanza sowie der jahrzehntelangen Verhandlungen des Kulturministeriums (Ministero per i Beni e le Attività Culturali) aufeinandernfolgender Regierungen wiedergewonnen.
Auch wenn man hinsichtlich der oft wiederholten Behauptung, aus Italien stammten zwei Drittel aller Kunstobjekte weltweit, skeptisch sein kann, so ist die künstlerische Entfaltung dieses „Freilichtmuseums“ sicherlich einzigartig. Doch ein Großteil dieser Werke wurde seines – archäologisch und historisch so wichtigen – Kontextes beraubt und außer Landes geschafft; ein Geschäft, das heute bis nach China und Japan reicht.
Raubgräber, Antikenschmuggel, Razzien – ein archäologisch-detektivischer Krimi
Die aktuelle Ausstellung zeigt eine Auswahl an Funden, deren Wiedergewinnung allein das Werk der Guardia di Finanza war, die mit dieser Aufgabe, anders als mit ihrer Funktion als Schützer des italienischen Kulturerbes, auch polizeiliche und steuerrechtliche Ziele verfolgt. Gehen dem italienischen Staat durch den illegalen Verkauf und Export sowie ein Abzweigen der dadurch erwirtschafteten Einkommen auf dem Wege der Geldwäsche doch Steuereinnahmen verloren.
Das geographische Gebiet der Untersuchungen zur Wiedergewinnung illegal ausgegrabener und widerrechtlich verkaufter Antiken erstreckt sich über das gesamte Staatsgebiet Italiens, teilweise begannen sie bereits 1962, doch am repräsentativsten sind wohl die jüngsten Ergebnisse: 2008 und 2009 wurden 11.258 Objekte beschlagnahmt; ihr chronologischer Rahmen reicht vom 8. Jh. v. Chr. über zahlreiche Funde der römischen Antike bis weit in das 3. Jh. n. Chr. Um die aktuelle Ausstellung zu realisieren, boten zahlreiche Museen an, jene ihrer Exponate zur Verfügung zu stellen, die ebenfalls nur mithilfe der Polizei zurückgewonnen werden konnten.
So ist selbst in dieser relativ kleinen Ausstellung eine Bandbreite an Marmor- und Keramikobjekten sowie Schmuckstücken vertreten, die mehr oder weniger das gesamte Spektrum italienischer Archäologie widerspiegelt: darunter 15 halbmondförmige Kettenanhänger und ein Ohrgehänge aus Gold, Smaragden, Perlmutt und Glaspaste, sowie ein Armband und ein Ring, alle Objekte aus dem 1.-2. Jh. n. Chr. (beschlagnahmt 2008). Leider wurde die aus Vulci stammende und 1954 beschlagnahmte Halskette, die das Plakat und den Katalog schmückt, im letzten Moment nun doch nicht vom Museo Gregoriano Etrusco im Vatikan ausgeliehen.
Unter den marmornen Werken befinden sich zwei Statuen, ein Torso, diverse Köpfe, Altäre, Hermen, Stelen, Grabreliefs, Sarkophage, ein Kapitell, Inschriften etc.
Erst im letzten Jahr gelang die Wiedergewinnung eines Reliefs, das Mithras bei der Tötung des Stieres zeigt und um 160 n. Chr. datiert wird. Auch dieses gehört zu den Beständen der Villa Giulia.
Aus dem 2. nachchristlichen Jh. stammen diese beiden Meisterwerke römischer Bildhauerkunst: Ein Relief, das Mithras bei der Tötung des Stieres zeigt, sowie ein Grabaltar mit Darstellungen dionysischer Szenen, welche die Unbeschwertheit des jenseitigen Lebens widerspiegeln sollten.
Aus dem Museo delle Terme di Diocleziano stammt ein Grabaltar für vier Urnen aus dem 2. Jh. n. Chr. Seine eleganten Reliefs zeigen an der Front zwei Eroten, die eine Girlande aus Granatäpfeln – Fruchtbarkeitssymbol und Sinnbild des Lebens – tragen und unter welchen zwei Sphingen dargestellt sind – Figuren des Todes, aber auch Beschützer des Altares. Auf seiner Rückseite sind Lorbeerbäume zu sehen, seine Seiten zieren dionysische Masken – Theatermasken, die auf die Unbeschwertheit des jenseitigen Lebens verweisen könnten.
Ebenfalls aus dem 2. Jh. n. Chr. stammt ein mit Reliefs verzierter Sarkophag mit der Darstellung von Musen, der in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts datiert wird und nicht nur im Museo Ostiense, wo er sonst zu sehen ist, zu den beachtenswertesten Stücken gehört.
Vasen, Vasen, Vasen
Im Zentrum der Ausstellung steht eine Vitrine mit Vasen. Es sind nahezu alle Formen und Malstile der griechisch-italischen Antike vertreten: Neben schwarz- und rotfigurigen attischen Keramiken des 6.-4. Jhs. v. Chr., sehen wir apulische Gefäße aus Süditalien, feinen, schwarzen Bucchero, dessen Herstellung eine Spezialität der Etrusker war, etruskisch-latinische Vasen und eine große zweihenklige Olla auf einem Ständer aus roter Impasto-Keramik, die aus dem 8. Jh. v. Chr. stammt und der Vorratshaltung diente.
Einige dieser herausragenden Gefäße sollen hier kurz vorgestellt werden – zumal hinter manch einem Objekt mehr steckt als die allein schon abenteuerliche Geschichte seiner Beschlagnahmung:
Ein echter Star unter den Gefäßen ist jene attisch schwarzfigurige Amphora (letztes Viertel des 6. Jhs. v. Chr.; 2003 beschlagnahmt), auf der zwei der mythischen Arbeiten dargestellt sind, die Herakles zu bewältigen hatte. Sie kann dem Maler Lysippides oder zumindest seinem Umkreis zugeschrieben werden.
Überaus interessant ist auch ein attischer Skyphos, ein Trinkbecher mit zwei kleinen Henkeln, ebenfalls komplett schwarzfigurig, der an das Ende des 6. Jhs. v. Chr. datiert werden kann und 2008 zurückgewonnen wurde. Er zeigt eine Schlachtenszene mit Kriegern, Wagen und Pferden. Einige der Krieger tragen einen einzigartigen Helmtyp, für den keine Parallelen bekannt sind. Zugleich tragen sie den typisch zweilappigen Schild der Griechen. Ihre Gegner tragen charakteristisch lange und gekrümmte Helme: jene der Amazonen. Vielleicht handelt es sich bei der dargestellten Schlacht demnach um einen Kampf der Griechen gegen die mythischen Amazonen. Nicht übergehen wollen wir an dieser Stelle eine apulische – süditalienische – Schale aus dem letzten Viertel des 4. Jhs. v. Chr. (beschlagnahmt 2001). Dargestellt ist eine angriffsbereite Amazone – eine Streitaxt schwingend und zugleich reich geschmückt; ihre phrygische Mütze ist in Form eines Panthers wiedergegeben.
Wahr oder falsch?
Und auch diese Ausstellung hat ihre Euphronios-Vase. Es handelt sich um eine fragmentierte Kylix, eine flache Trinkschale, die 2004 wiederentdeckt wurde. Dyfri J. R. Williams, Leiter der Abteilung für griechische und römische Antiken am British Museum in London, unterstrich die Qualität ihrer feinen Bemalung und bezeichnete diese als authentisch. Während stilistische Analysen das Gefäß ins 6. Jh. v. Chr. datierten, bewiesen andere Untersuchungen, deren Schwerpunkt auf der Analyse von der Antike bis heute verwendeter Materialien liegt, dann, dass es sich bei der Euphronios-Schale nur um eines handeln konnte: eine Fälschung! Der aus Latium stammende Maler, ein Experte auf dem Gebiet der Malerei des Euphronios, arbeitete mit einem Arzt zusammen. Gemeinsam nutzten sie die onkologische Abteilung am Krankenhaus von Brescia, um mit Strahlentechnik einen Alterungsprozess an der Schale vorzutäusche und belieferten mit echten oder wie in diesem Falle gefälschten Antiken zwei bedeutende Händler in den Kantonen Luzern und Tessin, die ihrerseits die Stücke einem ausgewählten Kundenkreis in Monte Carlo, den Arabischen Emiraten, den USA und Japan weiterverkauften.
Die Ausstellung Dal sepolcro al museo. Storie di saccheggi e recuperi zeigt somit nicht nur jene Geschichten, die hinter Raubgrabungen und Antikenschmuggel stecken, sie bringt auch manch andere Wahrheit ans Tageslicht – ganz im Sinne eines Krimis. Dass auf diese Weise nicht nur ein Blick hinter die Kulissen der Arbeit von Archäologen, Kulturschützern und Polizei geworfen wird, sondern auch jeder Besucher wachgerüttelt werden soll, sich selbst für den Schutz kulturellen Erbes einzusetzen, versteht sich dabei von selbst.
- Maria-Aurora von Hase Salto -