
Ein Land, in dem man nicht einmal einen brauchbaren Sklaven erwerben könne – so urteilte Mitte des 4. Jhs. v. Chr. der Athener Demosthenes über Makedonien. Und in der Neuzeit galt Makedonien bis vor Kurzem als das Aschenputtel unter den griechischen Landschaften und für die übrigen Griechen als der zurückgebliebene Norden. Dabei hat das Land in der Geschichte der Alten Welt eine wichtige, wenn auch häufig verkannte Rolle gespielt.
Jahrhundertelang wehrten die Makedonenkönige die Vorstöße der aus der inneren Balkanhalbinsel nach Süden vordringenden Stämme ab. Von hier brach 334 v. Chr. Alexander der Große zu seinem Siegeszug auf, der den Makedonenkönig bis Indien führen und die Welt grundlegend verändern sollte. Mit Makedonien gewannen die Römer in der Mitte des 2. Jhs. v. Chr. einen Stützpunkt auf der Balkanhalbinsel, der sie schließlich zu Herren des gesamten östlichen Mittelmeerbereichs machte. Hier entschied sich das Schicksal der römischen Republik und setzten sich in den Jahren 49 und 48 v. Chr. Caesar gegen Pompeius und wenige Jahre später Caesars Adoptivsohn Octavian, der spätere Augustus, und Marc Anton gegen die Caesarmörder durch („Bei Philippi sehen wir uns wie-der“). In Makedonien begann der Apostel Paulus seine Missionstätigkeit auf europäischem Boden, und hier tobten sich Jahrhunderte später die Goten aus, ehe sie sich in Richtung Italien auf den Weg machten und im Abstand von weniger als einhundert Jahren im Westen ihre eigenen Reiche gründeten.
Eine Liebe auf den ersten Blick
Das alles war mir allerdings weitgehend unbekannt, als ich in den ersten Jahren meines Studiums der alten Sprachen mehrere Reisen nach Griechenland unternahm, die mich jeweils auch nach Makedonien führten. Das „Reisen“ bestand darin, als Rucksacktourist zu trampen oder die geplanten Routen zu Fuß zu bewältigen, was natürlich den Sinn für die Landschaft schärft. Bald nach der dritten Reise bot mir mein verehrter Lehrer Horst Braunert an, eine Doktorarbeit über das Schicksal außerathenischer Griechenstädte im 4. Jh. v. Chr. zu verfassen, und ließ mir freie Hand bei der Auswahl des zu untersuchenden Gebiets. Meine ersten Recherchen galten mehr zufällig dem nord-griechischen Thessalien und führten über den Makedonenkönig Philipp II., der mehrfach und folgenreich in dieser Landschaft eingegriffen hatte, auf die östlich des ursprünglichen Makedonien gelegene Chalkidische Halbinsel, deren Schicksal ebenfalls eng mit dem Wirken dieses Herrschers verbunden war. Um die topographischen Grundlagen für eine Untersuchung des Städtewesens auf dieser Halbinsel zu legen, bereiste ich 1967 und 1968 das Gebiet und habe dabei Makedonien endgültig ins Herz geschlossen. Leider konnte ich meiner Liebe mehrere Jahre nicht Ausdruck verleihen, weil ich mich nach Abschluss der Doktorarbeit anderen Themen zuwenden musste.
Erst im Sommer 1985 unternahm ich mit meiner Familie einen neuen Anlauf, und wir verbrachten fast fünf Wochen in Epeiros, Mittelgriechenland, Thessalien und Makedonien. Inzwischen hatte ich eine feste Anstellung und damit die Möglichkeit, mich auch wieder mit der Geschichte Makedoniens zu befassen. Das führte dazu, dass ich ab 1989 mehrfach zu Kongressen in diesem Gebiet eingeladen wurde und zudem im Rahmen des Erasmusprogramms Lehrveranstaltungen und Vorträge an der Universität Thessalonike durchführte. Die dabei angebahnten wissenschaftlichen Kontakte zu den dort tätigen Kolleginnen und Kollegen entwickelten sich bald zu freundschaftlichen Beziehungen, und in vielen Gesprächen wurden wir mit der neueren Geschichte, der Kultur und dem Leben in diesem Teil Griechenlands vertraut gemacht. Auch die Menschen, denen man bei Reisen durch das Land begegnet, sind sehr freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Etliche sind als ehemalige Gastarbeiter in ihre Heimat zurückgekehrt und haben mit ihrem „know-how“ zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes beigetragen.
Es muss nicht immer Rhodos sein
Auf unseren Reisen in das Gebiet zwischen der griechisch-türkischen Grenze im Osten, der griechisch-albanischen Grenze im Westen und dem Golf von Arta im Südwesten wurde meiner Frau und mir immer klarer, dass diese Landschaften nicht nur eine bewegte Geschichte aufzuweisen haben, sondern auch durch mannigfache Naturschönheiten, insbesondere außerhalb der üblichen Touristenrouten, und faszinierende archäologische Funde, die allerdings erst in jüngster Zeit ans Tageslicht gebracht wurden, beeindrucken. Als besonders eindrucksvoll seien hier genannt das einsam gelegene Theater von Dodona, die weitgehend unberührten Prespenseen an der griechisch-albanischen Grenze, Kastoria mit seinen byzantinischen Kirchen, die erste makedonische Hauptstadt Aigeai (heute Vergina) mit ihren Königsgräbern und dem die Ebene beherrschenden Palast, ihre Nachfolgerin Pella mit ihren beeindruckenden hellenistischen Bodenmosaiken, das am Fuße des hoch aufragenden und oft von Wolken umhüllten Olymp gelegene Dion, deren Ausgrabungen einen Querschnitt durch die Geschichte der Stadt von der klassischen Zeit bis in die Spätantike ergeben hat, und natürlich Thessaloniki, die pulsierende grüne Stadt am Meer mit Bauwerken aus römischer und byzantinischer Zeit. Zu nennen sind ferner die im äußersten Nordosten gelegenen Insel Samothrake, in deren Heiligtum der spätere Makedonenkönig Philipp II. Olympias, die Mutter Alexanders des Großen, kennengelernt haben soll, Amphipolis, das uns die Reste von nicht weniger als fünf prächtig ausgeschmückten frühchristlichen Kirchen erhalten hat, und schließlich Philippi, die Gründung von Makedoniens größtem König, die als römische Kolonie einen gewaltigen Aufschwung genommen hat und neben Thessalonike zum bedeutendsten frühchristlichen Zentrum Makedoniens wurde.
So hoffe ich denn, mit meinen Ausführungen zu den Römern im Land Alexanders des Großen auch für den Norden des heutigen Griechenland als ein lohnendes Urlaubsziel zu werben. Es muss nicht immer Rhodos sein.
- M. Z. -
Die griechische Botschaft in Berlin informiert auf ihren Seiten nicht nur über Griechenland im Allgemeinen, sondern auch über die einzelnen Regionen.