
Klimawandel – Klimaforschung: In einer deutsch-chinesischen Summerschool untersuchen Heidelberger Geographen gemeinsam mit ihren chinesischen Kollegen die klimatische Geschichte des Turtan-Beckens, einem Teil der Seidenstraße. Die Untersuchungen gehen der Frage nach, wie Klimaveränderungen in Wechselwirkung zu kultureller Entwicklung stehen und helfen gleichzeitig die Geoarchäologie als Fach an der Universität Heidelberg zu etablieren.
An dieser Gruppe kann man verzweifeln. In monumentalen Worten erklärt die Stadtführerin die Bedeutung der alten Feste Jiaohe für die Seidenstraße und benennt eifrig Fotopositionen – doch das Augenmerk der Heidelberger Geographen gilt einzig den Flusskiesen, die sie in der Steilwand aus Lösslehm entdeckt haben. Sie lassen sich fotografieren, als stünden sie vor einem Königsgrab. Die Kiese sind vom Wasser bewegt, der Löß durch die Luft. „Der Fund bestätigt unsere Messergebnisse“, sagt Stefan Hecht, Experte für geophysikalische Methoden in Heidelberg. Er ist einer der Dozenten der Summerschool für Geoarchäologie, bei der 20 deutsche und 20 chinesische Teilnehmer auf den alten Pfaden der Seidenstraße wissenschaftliches Neuland betreten. Sie gehen der Frage nach, wie sich Klima und Landschaft hier im Turfanbecken über die Jahrtausende entwickelt haben. Rund drei Stunden entfernt von der westchinesischen Millionenstadt Urumqi gelegen, ist Turfan eine der trockensten Regionen der Erde. Hier verläuft die nördlichste von drei Routen der alten Seidenstraße. In den Flussoasen, gespeist von den Gletschern des Tianshan-Gebirges, sprießen Rebstöcke, die Rosinenproduktion hat lange Tradition – überall sonst erlaubt der nackte Untergrund einen Blick in die Erdgeschichte.
Zwei Jahre Vorarbeit hat der Geographieprofessor Olaf Bubenzer investiert, gemeinsam mit Cheng-Sen Li, einem Paläobotaniker von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, und Archäologen der Academia Turfanica vor Ort. „Seit es die Hochseeschifffahrt und Flugzeuge gibt, spielt die Seidenstraße als Handelsweg kaum noch eine Rolle“, sagt er. „Sie eignet sich aber als Metapher, denn wir wollen eine Brücke schlagen zwischen Ost und West, und zwar in Form von Wissenschaft.“ Cheng-Sen Li war auf die Heidelberger Geographen zugekommen. „Sie sind bekannt für ihre Trockengebietsforschung, verwenden fortschrittliche Technologien und sind wie viele Deutsche sehr kreativ im wissenschaftlichen Prozess“, sagt Li. Auch vom Austausch unter den Studenten verspricht er sich viel. "Das ist ein wichtiges Fundament für die Karrieren der jungen Leute.“
Erster Geländetag, ein Seitental unterhalb von Jiaohe. Die Siedlung, 1275 von Dschingis Khans Generälen zerstört, liegt auf einem Sporn aus Löss, dessen steile Flanken zwei Bäche anschneiden. In der Steilwand finden die Forscher Flusskiese und einen verschütteten Bodenhorizont – eindeutiges Zeichen für einstmals feuchteres Klima, ein so genanntes Klima-Archiv. „So wie Historiker in Schriftwerken blättern, kann uns diese dunkle Schicht wie ein Buch erzählen, was in der Vergangenheit passiert ist“, sagt Bubenzer. Mit Salzsäure lässt er die Studenten den Kalkgehalt der Schichten prüfen. Je nach pH-Wert, Farbe und Korngrößen können sie Hinweise gewinnen, welche Sedimente vom Wind und welche von fließendem Wasser abgelagert wurden. Ein Stück Knochen im Bodenprofil soll helfen, das Alter der Sedimente abzuschätzen.
Anderntags wird die tonnenschwere Ausrüstung nach Gaochang verladen, das Zentrum der westlichen Han-Dynastie. Schon damals war es heiß und trocken, ein Großteil der Stadt wird unterirdisch vermutet. Doch wo genau? Eine elektrische Tomographie soll das klären. Dazu steckt die Arbeitsgruppe des Geographen Bertil Mächtle Metallspieße in den Boden und verbindet sie über Kabel. Strom wird eingespeist und der Widerstand ermittelt – er variiert je nach Substrat. Im Vorjahr stieß Stefan Hecht hier auf einen verschütteten Tunnel. Nun will der Grabungsleiter wissen, wo sich weitere Grabungen lohnen.
Um mehr über den Sedimentkörper zu erfahren, auf dem Gaochang liegt, erzeugen die Geographen mit Hammerschlägen kleine Erdbeben. Das Seismogramm verrät, wo Schichtgrenzen liegen, etwa die zum Festgestein. „Die Umwelt haben wir Archäologen in dieser Region lange vernachlässigt“, sagt Xiao Li von der Academia Turfanica. „Dieses Wissen hilft uns sehr.“
Im ausgetrockneten Aiding-See, 154 m unter Meereshöhe gelegen, holt Gerd Schukraft mit einer Studentengruppe Bohrkerne aus dem Untergrund. Anhand der Schichtung lassen sich feuchte und trockene Phasen ablesen. „Gerade Gips und Magnesiumssulfatkristalle verraten uns viel über die früheren Feuchtigkeitsverhältnisse im Einzugsgebiet“, sagt Schukraft, der in Heidelberg das Labor für Geomorphologie und Geoökologie leitet. Die Bohrkerne werden geteilt: 18 m wandern nach Heidelberg, ebenso viele nach Peking, wo anhand der im Sediment gespeicherten Pollen die Vegetation früherer Jahrhunderte rekonstruiert wird.
2010 wollen die Heidelberger eine internationale Konferenz ausrichten, ein Forschungsprojekt soll folgen. Für die Universität wäre es der richtige Zeitpunkt für einen Startschuss mit Signalwirkung: Im Wintersemester 2010/2011 soll auch ein Masterstudiengang Geoarchäologie die ersten Studenten aufnehmen.
- O. Bubenzer & N. Schenck -