
Zypern ist mit Aphrodite eng verbunden, denn hier nahm sie im wahrsten Sinne des Wortes Gestalt an, als sie der Sage nach aus dem Schaum (griech. áphros) geboren wurde und bei Paphos dem Meer entstieg. „Preisen will ich Aphrodite, die Goldbekränzte, deren Reich das meerumschlungene Zypern ist.“ So besang schon Homer die griechische Göttin, die zu den zwölf großen olympischen Gottheiten gehörte und Schönheit und Fruchtbarkeit spendete.
Der Mythos der Aphrodite hat sich vermutlich aus sehr alten Fruchtbarkeitskulten auf Zypern herausgebildet. Neue archäologische Entdeckungen belegen, dass sich in der Region um Paphos im 4. und 3. Jt. v. Chr. das Zentrum des Kultes einer machtvollen Fruchbarkeitsgöttin von vielfältiger Gestalt befand, der die geschlechtliche Liebe und die Fruchtbarkeit der Menschen und aller Natur verherrlichte.
In der zweiten Hälfte des 2. Jts. v. Chr. vermischte sich die zyprische Gottheit hier mit der orientalischen Göttin Astarte. Astarte, ebenfalls eine Gottheit der Liebe und Fruchtbarkeit, ist spätestens seit dem 14. Jh. v. Chr. aus Ugarit im heutigen Syrien bekannt. Vermutlich errichteten phönizische Händler im 9. Jh. v. Chr. in Paphos einen Kult für die Göttin. Funde im Astartetempel der phönizisch beeinflussten Stadt Kition auf Zypern zeigen ab dem 6. Jh. v. Chr. nackte Frauen, Frauen mit Kind und Frauen, die ihre Brüste halten – Hinweis auf die Beziehung zum orientalischen Astarte-Kult, der die Göttin nackt und mit betonten Geschlechtsmerkmalen verehrte.
Im 12. und 11. Jh. v. Chr. fanden Griechen, die sich auf Zypern niederließen, diesen Kult einer machtvollen Gottheit vor und gaben ihr die uns heute bekannte Gestalt. Sie milderten ihre wilde sexuelle Natur und statten sie dafür mit den wichtigsten griechischen Tugenden Schönheit und Liebreiz aus. Aphrodite war aber auch Thema einer umfangreichen Mythologie, die durch den Kult auf Zypern inspiriert war: So schützte die zyprische Göttin den Reichtum der Insel, das Kupfer, gemeinsam mit einem göttlichen Ehemann, und Aphrodite wurde mit dem Schmiedegott Hephaistos vermählt. Die zyprische Göttin sorgte für die Fruchtbarkeit der Natur; Aphrodite liebte Adonis, einen Vegetationsgott, den sie aus der Unterwelt zurückbrachte, in die er nach seinem Tod hinabgestiegen war – Symbol für die verschiedenen Jahreszeiten und das mit ihnen verbundene Wachsen und Verdorren der Pflanzen.
Die Sonderausstellung „Zypern – Insel der Aphrodite“ beleuchtet die verschiedenen Facetten der Entwicklung der zyprischen Göttin vom abstrakten Steinidol über reich geschmückte Statuetten mit erhobenen Armen bis zur Göttin in der uns heute bekannten Gestalt.
Ein herausragendes Objekt zu diesem Themenbereich ist der marmorne Torso der Aphrodite aus dem District Museum im zyprischen Paphos, die erstmals in Deutschland gezeigt wird. Dabei handelt es sich um ein einmaliges hellenistisches Original und nicht, wie bei den meisten antiken Statuen, um eine römische Kopie.
Wie die Göttin selbst, stammt diese rund 85 cm hohe Statue aus dem Meer – sie wurde von Tauchern 1955 zufällig auf dem Meeresboden vor Paphos entdeckt, also genau dort, wo die Gottheit dem Mythos zufolge an Land ging.
Die Bruchflächen an Armen und Hals des Torsos hat das Meer mit der Zeit geglättet. Der beliebte Statuentyp aus dem 1. Jh. v. Chr. zeigt die Göttin beim Auswinden ihres nassen Haares, nachdem sie dem Meer entstiegen ist. Ihre sprichwörtliche Anmut wird durch den schimmernden und leicht durchscheinenden Marmor unterstützt, ein in Zypern kostbares Material, da er auf der Insel nicht verfügbar war.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildertes Begleitbuch mit Beiträgen renommierter Zypern-Experten aus dem In- und Ausland.