Verlag Philipp von Zabern


Die Jubiläumsschrift „Schatzkammer rheinisches Braunkohlenrevier“ und die Stiftung zur Förderung der Archäologie im rheinischen Braunkohlenrevier

Angebaggert!

Tuts Vorkammer
Als "Schatzkammer" lässt sich das Rheinland wahrlich bezeichnen. Von der Steinzeit bis in die jüngste Vergangenheit reichen die historischen Zeugnisse. Bedingt durch den Braunkohlenabbau finden hier zudem großflächige archäologische Ausgrabungen statt. Auf ihren Ergebnissen basieren Rekonstruktionen und Lebensbilder wie diese Bestattungsszene, die einen Eindruck von der langen Geschichte der "Schatzkammer rheinisches Braunkohlenrevier" geben.

Einst erlegten Jäger hier Mammuts, verbargen Kelten ihre Goldschätze, errichteten Römer Villen und Heiligtümer, betrieben Adelige mittelalterlichen Landesausbau und immer wieder fielen brandschatzende Heere ein - das rheinische Braunkohlenrevier ist eine wahre "Schatzkammer" für Archäologen.

Dem Tagebau geht regelmäßig eine intensive Grabungstätigkeit voraus – die geborgenen Funde werden ausgewertet, die Ergebnisse publiziert und der Öffentlichkeit präsentiert. Besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs besteht in diesem Bereich die Möglichkeit, sich mittels Stipendien fortzubilden und die archäologische Forschung voranzubringen.
Vielfache Forschungs- und Grabungsprojekte haben in den vergangenen 20 Jahren – infolge der Förderung der Stiftung – unsere Kenntnisse der steinzeitlichen, der vorrömischen und römischen Besiedlung des Rheinlandes, des mittelalterlichen Burgen- und Landesbaus oder der bewegten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und der Franzosenzeit erheblich erweitert, in vielen Fällen sogar „revolutioniert“.
Erst die Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachbereiche und ihrer Vertreter ermöglichte eine Reihe archäologischer Sensationen, die in den Geschichten des Autors Carl Dietmar so lebhaft in Szene gesetzt sind.

Dietmar lässt 20 ausgewählte Funde (in einem Fall die mittelalterliche Burg Reuschenberg, die dem Tagebau weichen musste) „Geschichte und Geschichten“ erzählen, vom Auftreten des Neandertalers bis zur französischen Besetzung des Rheinlandes im Jahre 1794. So wird am Beispiel zweier Hirschgeweihmasken, die die Archäologen im verlandeten Altarm der Erft bei Bedburg-Königshoven entdeckten, der „Jagdzauber des Schamanen“ beschrieben. Die gefundenen Hirschgeweihe wiesen jeweils zwei gebohrte Löcher auf, die es möglich machten, das Geweih am Kopf eines Menschen zu befestigen – es ist also durchaus nicht unwahrscheinlich, dass die Geweihe als Kopfschmuck gedient haben, vielleicht als rituelles Ornat von Schamanen, verwendet bei der Beschwörung des Wildes, bei der Vermittlung zwischen dem Diesseitigen und dem unbekannten, übermächtigen Jenseits. Noch heute tragen Schamanen in Sibirien derartige Hirschgeweihmasken. Dietmar hat dem Schamanen, einem fiktiven Clanchef, Priester und Heiler, den Namen Mandru gegeben – Mandru opfert dem Geist des Waldes Felle und Fleischstücke, um ihn günstig zu stimmen; denn die Männer seines Clans wollen auf die Jagd gehen, auf die Jagd nach Auerochsen, ihrer wichtigsten Beute und Lebensgrundlage. Anhand von weiteren Funden, die man in Bedburg-Königshoven und anderswo gemacht hat, schildert Dietmar – sowohl in seiner Erzählung wie in eingewobenen wissenschaftlichen Erläuterungen – die Jagd- und Lebensgewohnheiten der Menschen der Mittelsteinzeit (etwa 10000 bis 5300 v. Chr.) – es waren Menschen, die als hervorragend ausgerüstete Jäger die Jagd mit größter Intensität betrieben.

In ähnlicher Erzähltechnik – einer Mischung aus fiktionalem und wissenschaftlichem Text – sind alle 20 Geschichten geschrieben, so auch, um ein Beispiel aus der frühen Neuzeit wiederzugeben, die Geschichte des jungen Adeligen Johann von Reuschenberg, der Zeuge eines furchtbaren  Massakers wird, das erzbischöfliche Soldaten am 3. Juli 1586 im Dorf Junkersdorf verüben – von über 200 Toten ist damals die Rede. Die Opfer sind Leute aus dem Jülicher Land, Händler und Marktgänger, Bauern, die ihre Produkte in der freien Reichsstadt Köln verkaufen wollen, Männer, Frauen und Kinder, die sich angesichts der Unsicherheit auf den Straßen gemeinsam auf den Weg gemacht haben. Mit dem Massaker erreicht der „Kölnische Krieg“, ausgelöst durch den Konfessionswechsel des Kölner Erzbischofs Gebhard Truchsess von Waldburg, das Rheinland. Johann von Reuschenberg überlebt die Bluttat – er wird gesund gepflegt in der Deutschordenskommende St. Katharina an der Severinstraße, der sein Onkel Heinrich von Reuschenberg vorsteht. Anhand des Lebenswegs dieser beiden Männer erzählt Dietmar die Geschichte der Burg Reuschenberg - und die Geschichte des „Kölnischen Krieges“, an dessen Ende feststand, dass der überwiegende Teil des Rheinlandes katholisch bleiben sollte.

Die in Deutschland einzigartige Archäologie-Stiftung entstand 1990 im Zusammenwirken des Landes Nordrhein-Westfalen, der RWE Power AG und des Landschaftsverbandes Rheinland – aus der gemeinsamen Verantwortung für zahlreiche, oft einzigartige Bodendenkmäler, die durch die rheinischen Braunkohlentagebaue von endgültiger Zerstörung bedroht waren und sind. Gerade beim Braunkohlentagebau im rheinischen Revier ist die Bodendenkmalpflege in besonderem Maße gefordert: Der Landschaftsverband Rheinland unterhält daher im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen ein eigenes Fachamt, das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, an dem Archäologen, Naturwissenschaftler und Techniker tätig sind. Diese werden unterstützt vom LVR-LandesMuseum Bonn, das neben Archäologen, Restauratoren und Museumspädagogen beschäftigt, aber auch von den Universitäten Köln und Bonn.

- Thomas Otten / Carl Dietmar -