Verlag Philipp von Zabern


Mythos oder Realität?

Amazonen

Tuts Vorkammer

Sie waren stark, sie waren schön, und sie waren furchterregend! Den Töchtern des Ares im Kampf gegenüberzustehen kam in der Antike schon beinahe einem Todesurteil gleich, sofern es sich nicht um einen der tapfersten und erfahrensten Helden handelte. So schafften es nur die größten griechischen Heroen Achilleus, Herakles oder Theseus mit allergrößter Mühe, ihre Kontrahentinnen zu besiegen. Und die Macht der Amazonen über die Männer war so groß, ihre Schönheit so überwältigend, dass die Sieger auf dem Schlachtfeld sich sogar in die Besiegten verlieben konnten – sofern man den überlieferten Geschichten Glauben schenkte, die seit frühester Zeit von Generation zu Generation weitergereicht und je nach Bedarf aktualisiert wurden. Denn Berichte über das kriegerische Frauenvolk der Amazonen gab es viele, eine angsteinflößender, aber auch faszinierender, als die andere.

In geschichtlicher Zeit hatte kein Grieche oder Römer die kampferprobten Amazonen je zu Gesicht bekommen, aber dennoch zweifelte man nicht an ihrer wahren Existenz. Jeder wusste, dass die Arestöchter außerhalb des eigenen Kulturkreises in den weit entfernten Gebieten jenseits des Schwarzen Meeres wohnten, dort, wo selbst die wagemutigsten griechischen Pioniere nicht hingelangt waren. Einst lebten sie sogar an der Südküste des Pontos Euxeinos (die heutige türkische Schwarzmeerküste) in ihrer legendären Hauptstadt Themiskyra und verbreiteten Angst und Schrecken über die gesamte damals bekannte Welt. Doch Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, berichtete im 5. Jh. v. Chr., dass griechische Kämpfer in grauer Vorzeit die Amazonen angriffen und sie von dort vertrieben – ein zunächst siegreiches Unternehmen, welches für die an dem Überfall beteiligten Griechen allerdings zum Schluss in einer Katastrophe endete, denn ihre Tat mussten sie mit dem Tode bezahlen. Sie alle traf die Rache der Amazonen, gnadenlos, kompromisslos.

Die Lebensweise der Amazonen widersprach vollständig der griechischen Gesellschaftsordnung, ja stellte diese sogar förmlich auf den Kopf. Sie galten als Töchter des Kriegsgottes Ares, weshalb ihnen die Kampfeslust bereits in die Wiege gelegt war. Sie waren geschickte Reiterinnen und vor allem exzellente Bogenschützinnen, lebten in einer reinen Frauengemeinschaft und pflegten den Umgang mit Männern nur zur Sicherung des eigenen Fortbestandes. Im Gegensatz zum griechischen Rollenverständnis taten sie also alles das, was in der lang tradierten hellenischen Ordnung doch eigentlich nur dem Mann vorbehalten war – eine Ordnung, die man auch zu Zeiten eines Xenophon immerhin noch für gottgegeben ansah! Und deshalb fürchtete man(n) sie, aber bewunderte sie doch irgendwie zugleich. Es konnte sogar vorkommen, dass man ihnen eine besondere Verehrung zuteil werden ließ, die weit über das kriegerische Moment und den Respekt vor einem gleichwertigen Gegner hinaus von einer besonderen Wertschätzung der Amazonen zeugte. So ziert das Abbild der Arestöchter ganze Münzserien kleinasiatischer Griechenstädte (auf dem Gebiet der heutigen Türkei), die als uralte Gründungen der Amazonen galten. Dort der erbarmungslose Feind, den es zu überwinden galt, hier die verehrenswerte Städtegründerin, die allein durch ihre Person für eine ehrenvolle, lange Stadtgeschichte Pate stand.

Kein anderer Mythos der griechischen Welt ist so komplex und so vielschichtig wie die Sagen und Legenden, die sich um das kriegerische Frauenvolk der Amazonen ranken. Und an ihrer Popularität hat sich bis heute nichts geändert. So nennt man in heutiger Zeit  erfolgreiche Springreiterinnen immer noch Amazonen, werden streitbare Frauen – allerdings zumeist von Männern – als Nachfahren eben jener antiken Arestöchter bezeichnet, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Und auch das Medium des Films hat sich in unterschiedlicher Form des Themas angenommen. In Fernsehserien wie „Xena – die Kriegerprinzessin“ oder Kinofilmen wie „Tomb Raider“, in dem die Hauptprotagonistin Lara Croft die idealisierten Eigenschaften der Amazonen mit dem Berufsbild der Archäologin leinwandgewaltig kombiniert, zeugen von einer ungebrochenen Faszination des Erzählstoffes bis in unsere heutige Zeit.

Der historisch-archäologischen Forschung ist es allerdings bislang nicht gelungen, die Existenz eines reinen Frauenstaates zu beweisen – und es wird ihr auch in Zukunft nicht gelingen. Nirgends haben sich Spuren erhalten, die eindeutig belegen können, dass die Amazonen wirklich gelebt haben. Doch diese wissenschaftliche Fragestellung ist eine moderne Herangehensweise an einen Mythos, der in der Antike noch Teil der gelebten Realität war. Für uns heute, die wir alle vermeintlichen Geheimnisse, Legenden und Sagen bis in ihren Kern (natur-)wissenschaftlich zu erklären suchen, ist es höchstwahrscheinlich, dass der Amazonenmythos eine reine Fiktion ist. Für den Menschen der Altertums waren die Amazonen aber schlichtweg Teil ihrer eigenen Geschichte, genauso wie die griechischen Helden, die so hart und letztlich auch siegreich gegen die Arestöchter gekämpft hatten. Und an Herakles, Theseus oder Achilleus zweifelte man ja schließlich auch nicht, sondern ehrte sie als Grundpfeiler der eigenen Kultur. Ja, man hatte nie eine Amazone zu Gesicht bekommen, zumindest nicht so, wie sie in all den Sagen und Legenden beschrieben wurden. Das war aber auch gar nicht notwendig, denn man wusste ja einfach, dass es sie gab, diese furchteinflößenden Kriegerinnen, deren Ruhm und Schönheit bis heute nichts an ihrem Glanz verloren haben! Und ihr Name und all die Geschichten, die sich um sie ranken, haben wie kaum ein anderer Erzählstoff des Altertums die Jahrhunderte überdauert und sind letztlich unsterblich geworden – ob nun Fiktion oder nicht!

- PD Dr. Jochen Fornasier -

 

Mehr über Amazonen finden Sie in der aktuellen Ausgabe der ANTIKEN WELT, unserer Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte

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