Verlag Philipp von Zabern


Eine ungewöhnliche Bestattung gibt Einblick in das Leben der letzten Jäger und Sammler

Alles Party?

Tuts Vorkammer
In der israelischen Hilazon Tachtit-Höhle, in der Nähe des Sees Genezareth, fanden Archäologen Überreste und Bestattungen einer halb-sesshaften Kultur, welche die Region vor 12.000 Jahren bewohnte (Fotos: Leore Grosman, Hebrew University Jerusalem).

Kürzlich ging die Nachricht durch die Medien, in einer israelischen Höhle seien die Überreste einer „Steinzeitparty“ gefunden worden. Einer veritablen „Party“? Oder doch eines tiefsinnigeren Rituals einer uns heute fremden Kultur?

Eine ungewöhnliche Entdeckung konnten Archäologen Ende August vermelden: In der Hilazon Tachtit-Höhle im Norden Israels, in der Nähe des Sees Genezareth und 14 km von der Mittelmeerküste entfernt, fanden sie Überreste und Bestattungen der mesolithischen Natufien-Kultur, einer halb-sesshaften Kultur der Levante aus der Zeit vor 12.000 Jahren. Ihre Mitglieder gehörten zu den letzten Jägern und Sammlern, die noch keine Landwirtschaft praktizierten, sondern ihrer angestammten Jäger-Sammler-Wirtschaft folgten – einziges zumindest teilweise domestiziertes Tier in dieser Kultur war, wie so oft, der Hund. Aufgrund ansteigender Populationszahlen waren die Jäger und Sammler der Natufien-Kultur jedoch räumlich schon weitaus beschränkter als die paläolithischen Menschen. Um mehr über ihren Alltag an der Schwelle vom umherziehenden Jägern und Sammler zum sesshaften Bauern zu erfahren, werden diese und eine weitere Höhle von einem Team aus israelischen und amerikanischen Archäologen seit mehreren Jahren untersucht – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Am auffälligsten waren die Tierknochenreste: verkohlte Panzer von 71 Landschildkröten, Überreste von drei Auerochsen, vom Eber und Marder – sie alle sind archäozoologisch sehr interessant, insbesondere die hohe Zahl an Schildkrötenpanzern sowie die Tatsache, dass alle Überreste Zerteilungsspuren aufweisen. Es handelt sich also um die Zeugnisse eines ausgiebigen Mahls, nach Schätzungen ausreichend für 35-40 Personen. Dass es sich bei den Auerochsen und dem Eber um nur in der Gemeinschaft und zudem schwer zu erlegende Tiere handelt, die nicht zur alltäglichen Nahrung gehörten, unterstreicht ebenso wie die Annahme, dass insbesondere der Auerochse zu jener Zeit ein heiliges Tier und Fruchtbarkeitssymbol war, die Vermutung, dass es sich bei eben jenem Mahl um eine rituelle Versammlung handelte. Neben dem Fleisch wird es weitere vergängliche Nahrungsmittel gegeben haben, gewonnen durch die Sammelwirtschaft: Beeren, Wurzeln, Wildkräuter etc.

Structure A and B Hilazon Small NH 

In den felsigen Boden der Höhle waren mehrere Gruben geschlagen, und in einer davon fand sich eine bemerkenswerte Bestattung. Die Grabgrube war mit Kalksteinplatten ausgekleidet, was für den hohen Rang der Verstorbenen spricht, denn sonst sind gleichzeitige Gräber weniger sorgfältig angelegt. Hier sind also erstmals Rangunterschiede unter den Menschen des Natufien belegt, etwas, was man bisher für unmöglich hielt. Die vielen Schildkrötenpanzer waren – offenbar als besondere Ehrung – bewusst unter, neben und auf dem Kopf sowie Körper der dort bestatteten Frau deponiert worden. Diese mit 1,50 m für unsere Augen recht kleine Frau hatte eine angeborene Gehbehinderung bzw. Beckendeformation, die dazu führte, dass sie hinkte. Gerade für frühe Kulturen ist belegt, dass man behinderten Menschen eine besondere Beziehung zum Göttlichen, Spirituellen zuschrieb: Sie wurden quasi gegenüber den „Normalen“ als ausgezeichnet oder hervorgehoben verstanden. Man vertraute auf ihre Heilkräfte und spirituelle Begabung – dies ist eines der frühesten bekannten Gräber einer solchen Person.

Der in ihrem Grab gefundene, abgetrennte menschliche Fuß einer großen und starken Person sollte ihr möglicherweise die Möglichkeit geben, trotz ihrer Behinderung im Jenseits richtig laufen zu können. Mit ungefähr 45 Jahre wurde die Frau vergleichsweise alt für die damalige Zeit. Weitere anscheinend kultische Beigaben sind wiederum tierischer Natur: Ein einzelner Adlerfügel und ein abgetrennter Kuhschwanz, sowie der Beckenknochen eines Leoparden – vielleicht liegt auch hier eine speziell auf die Behinderung der Frau abgestimmte Auswahl vor.

In der Höhle wurden in der Folgezeit weitere Stammesmitglieder bestattet sowie Totenmahle abgehalten – das Ritual war also nicht ganz außergewöhnlich und nicht nur auf diese eine Person beschränkt. Allgemein betrachtet gibt sich hier eine grundlegende soziale Verhaltensweise zu erkennen, die unabdingbar für gesellschaftliche Entwicklung und Gruppenidentität ist. Die natufien-zeitlichen Menschen konnten nicht mehr so frei weiterwandern, wie es einige Generationen zuvor noch möglich gewesen war, denn der Bevölkerungsanstieg verringerte das Angebot an günstigen Wohnplätzen, sodass man sich mit seinen Nachbarn vertragen musste – rituelle Mahlzeiten gehörten daher sicherlich zum Repertoire dieser frühen gesellschaftlichen Zusammenkünfte. Somit entpuppt sich die vermeintliche „Party“ als ein feierliches gesellschaftliches Ereignis, auf dem Weg des Menschen vom in kleinen Gruppen umherziehenden Jäger und Sammler hin zum sesshaften Bauern und später auch Städter, der sich in einer größeren Gesellschaft mit sozialen Hierarchien und komplexen Nachbarschaftsverhältnissen zurechtfinden musste. Das gemeinsame Gedenken an ein sozial herausragendes Mitglied dieser Gesellschaft gilt bis heute als ein das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkendes Ereignis und kann auch in unseren modernen Zeiten bei Bestattungen politisch oder sozial herausragender Persönlichkeiten beobachtet werden.

 

- ARo 09/2010 -

 

Weitere Nachrichten aus der Welt der Archäologie finden Sie in jeder ANTIKEN WELT, der Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte. 

 

Das könnte sie auch interessieren

  • ANTIKE WELT

    ANTIKE WELT

    Israel - Archäologie im Land der Bibel. Kaum eine Region zieht so den Blick des interessierten...
  • ANTIKE WELT

    ANTIKE WELT

    Die ersten Siedler Warum und wie der Mensch vom Jäger und Sammler zum Siedler wurde, klärt das...
  • Das Tote Meer
  • Gaza