
"Sandalenfilm" schimpfte man die bildgewaltigen Epen zu antiken Themen aus den Traumwerkstätten Hollywoods zuletzt. Seit einigen Jahren erlebt Geschichte im Spielfilm jedoch eine publikumswirksame Renaissance. Neben dem Mittelalter spielt dabei vor allem die antike Welt eine tragende Rolle - Grund genug, aktuelle Historienfilme einmal genauer unter die (archäologische) Lupe zu nehmen:
In einigen deutschen Städten lief am 11. März 2010 der Film „Agora – Die Säulen des Himmels“ an, der das allgegenwärtige Thema des religiösen Fundamentalismus anreißt, obwohl er vor „antiker“ Kulisse spielt. Also doch nur ein „Sandalenfilm“, mag mancher sagen – dem ist aber nicht so. Dem spanische Regisseur Alejandro Amenábar gelingt hier ein bildgewaltiger, glaubhaft historischer Film, dessen Botschaft heute aktueller ist denn je.
Der Ort der Handlung: Alexandria, zugleich gelegen am Mittelmeer und an der Nilmündung, Schmelztiegel zwischen dem Jahrhunderte alten pharaonischen Ägypten und der hellenisierten, romanisierten Welt. In Alexandria lebten lange Jahre verschiedene Kulturen und Religionen mehr oder weniger gut miteinander, bis das einigen von ihnen nicht mehr genügte – oder besser, zum Feindbild wurde und so eine explosive, brandgefährliche Mischung bildete. In eindringlichen Bildern schildert Alejandro Amenábar das aus den Fugen geratende Leben in einer antiken Großstadt am Beginn des christlichen Mittelalters.
Focus der Geschichte ist die spätantike Philosophin Hypatia, eine Heidin und Tochter des Philosophen Theon. Sie lehrt um 400 n. Chr. im Museion, der großen Bibliothek von Alexandria, Astronomie, Mathematik und Physik; ist beliebt bei ihren Studenten, zu denen Heiden ebenso gehören wie Christen. Manche von ihnen kommen von weit her, nur um sie zu hören. Doch ihre Lehre missfällt Bischof Cyrill von Alexandria, der den christlichen Mob der Stadt gegen das Heidentum und speziell gegen die kluge, ihre Meinung äußernde Frau Hypatia aufhetzt. Den Christen gilt sie bald als Hexe, als Dienerin Satans, als tückisches Frauenzimmer. Schließlich wird Hypatia zu Ostern 415 gejagt, gestellt, von den Parabolani, den christlichen Krankenträgern, eingekesselt und gelyncht. Die Quellen berichten grausame Details davon, wie man diese Frau zu Tode brachte, ihren Körper zerriss, verbrannte und die Asche über ganz Alexandria verteilte, ganz wie es üblich war mit vermeintlichen Hexen zu jener Zeit. Der Mord wurde daraufhin vertuscht, die Mörder blieben straffrei und die letzten heidnischen Philosophen verließen aus Angst Alexandria. Also ein rundum gelungener Abschluss der Christianisierung? Manche Kritiker unterstellten diesem Film, der all das wahrheitsgetreu berichtet, „antichristliche Tendenzen“. Was hätte der Regisseur deren Meinung nach tun sollen? Den Mord gutheißen? Dem Mob Beifall klatschen?
Man könnte jetzt kritisieren, dass der Regisseur sich bei aller Authentizität einige historische Freiheiten erlaubt hat: So war Hypatia zum Zeitpunkt ihres Todes 55 Jahre alt und somit eine gestandene „Matrone“, keine elfenhafte, zerbrechliche Schönheit wie ihre Darstellerin Rachel Weisz; verzichtete sie doch in Wahrheit auf jeden Kleiderluxus und trat im einfachen Tribon, dem antiken Philosophenmantel, vor ihre Hörer. Doch wenn sich die „Message“ des Films so besser vermitteln lässt – sei’s drum, wichtig ist allein, ihre noch für uns Heutige bemerkenswerte Biografie dem Vergessen zu entreißen.
„Agora“ ist eben kein Sandalenfilm – Regisseur Alejandro Amenábar wollte ursprünglich einen historischen Film drehen, herausgekommen ist – zu seiner eigenen Überraschung, so klingt es an – ein feministischer Film: doch nicht nur ein Film über eine besondere Frau, sondern auch ein Film über Fundamentalismus als solches. Nicht den Fundamentalismus einer bestimmten Religion, sondern den allgegenwärtigen, in jeder Epoche anzutreffenden Fundamentalismus. Christen können sich hier ebenso wiedererkennen wie Muslime oder Juden – wenn sie denn wollen. „Ich glaube an die Philosophie“ sagt Hypatia an einer Stelle – man ahnt hier, dass die Philosophie und Wissenschaft ein Ausweg sein kann vor dem Gefängnis des Fundamentalismus, heute wie damals.
- aro 03/2010 -
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